Dialektik

In meinem Buch werden manche Zusammenhänge nicht in aller Ausführlichkeit behandelt. Ich bedauere dies, doch auf der anderen Seite erkenne ich, dass es nicht anders sein kann – niemand kann ein Buch über alles schreiben – irgendwo muss Schluss sein.

Die „Perspektivenlogik“ beschäftigt sich beispielsweise mit dem Problem naiver Dialektik, ohne dass diese als ein Sachverhalt näher beschrieben wird.
Für den Leser entsteht somit ein Raum für Spekulation. Doch mit „naiver Dialektik“ ist etwas konkretes gemeint, nämlich die Fähigkeit jede denkbare Behauptung mit geeigneten Argumenten unangreifbar zu machen.
Naiv an dieser Dialektik  ist die Vorstellung, dass die Wahrheit einer Behauptung von der Qualität verwendeter Argumente abhängig ist (die Wahrheit hätte dann leider eine dynamisch-dogmatische Dimension – wie im richtigen Leben).
Diese Vorstellung stimmt mit den meisten Definitionen der Wahrheit nicht überein – die Wahrheit im zweiwertigen Modell muss unabhängig sein von jeglichem Dasein und von jeglicher Vorstellung – sie ist nicht etwa ein Teil des dialektischen Systems, sondern steht a priori als ein unabhängiger Wert.

Das Problem naiver Dialektik liegt darin, dass man nicht objektiv entscheiden kann, welche Wahrheit die endgültige (objektive) sei.

Nehmen wir an, X behauptet, dass der Raum und die Vergangenheit dasselbe sind.
Um diese These zu verstehen, sollten wir uns folgende Analogie anschauen – diese ist vollständig dialektisch aufgebaut.

Irgendwann geht der Urlaub zu Ende.
Wir packen das Zelt und fahren Heim.
Nach einigen Stunden kommen wir Zuhause an, sprechen mit den Nachbarn, gießen die Blumen….
Dann ist der letzte Urlaubstag schon zu Ende – wir gehen schlafen.
Doch bevor wir einschlafen denken wir noch darüber, wie wir noch am heutigen Morgen im Wald aufgewacht sind…
Die Urlaub-Wirklichkeit ist in diesem Augenblick nicht mehr präsent. Wir sehen sie zwar nicht als unwirklich an – wir haben sie ja noch deutlich vor Augen, aber sie besitzt in der aktualen Wirklichkeit gewiss nicht mehr den Stellenwert, den sie noch am heutigen Morgen besaß.
Unsere Urlaubsabenteuer sind für uns nur noch eine Erinnerung.
Doch dies ist nicht alles – eine Erinnerung ist auch unsere Konversation mit den Nachbarn und auch das, dass wir, bevor wir uns hingelegt, die Zähne geputzt haben.
Eine Erinnerung ist auch die Tatsache, dass wir vor einer Sekunde das Licht ausgeschaltet haben und dass wir „jetzt“ angefangen haben, über all dies nachzudenken.

Wir dürfen nunmehr annehmen, das zwischen verschiedenen Vergangenheiten kein qualitativer Unterschied besteht – der Unterschied zwischen ihnen besteht nur in ihrer jeweiligen Tiefe.
Wenn aber kein Unterschied existiert zwischen der Vergangenheit des heutigen Morgens und der Vergangenheit des Lichtausknipsens vor dem Schlafengehen, dann muss man annehmen, dass sowohl die eine als auch die andere Vergangenheit gleichermaßen unwirklich sind.
Für wirklich dürften wir nämlich ausschließlich das halten, was in der Gegenwart stattfindet – alles Vergangene steht zu dieser speziellen Wirklichkeit wie die Realität des heutigen Morgens zur abendlichen Realität des Augenblicks, in dem wir über die vergangene Wirklichkeit sinnieren.
(Genau das ist Dialektik)

Wenn dem so ist, dann ist es folgerichtig anzunehmen, dass allein das, was in der Gegenwart passiert, wirklich und real ist.
Alles andere muss eine Vergangenheit sein – eine nicht real existierende Tatsache (Erinnerung).
Die Folge wäre die Erkenntnis, dass dem Raum ein mehr oder minder tiefer Attribut der Vergangenheit innewohnt (Beweis: zwei beliebige Punkte im Raum müssen voneinander entfernt sein – jede Entfernung wird in der Zeit bewältigt: vergeht die Zeit – entsteht die Vergangenheit).

Als Konsequenz müssten wir annehmen, dass der Raum ebenfalls nicht real existiert.

Die Konsequenz der Behauptung, dass die Vergangenheit und der Raum dasselbe sind, muss die Feststellung der Nichtrealität der Dinge dieser Welt sein.

Dass wir nicht gerade überzeugt sind, von der Unwirklichkeit umgeben zu sein, muss wohl eine Art Illusion sein.
Alle Tatsachen der Welt, alle Fakten, alle Beobachtungen, alle Wirklichkeit sowie das, was wir unser Körper nennen ist eine mehr oder minder frische Erinnerung.
Doch Erinnerung existiert, wie wir gerade festgestellt haben, nicht real…

Wir erkennen nun, was Dialektik ist – sie ist in der Tat ein „Wille zur Macht“.

Wenn die Möglichkeit besteht, ein geeignetes Argument für eine gegebene Behauptung Y auszusprechen, dann wird es zwangsläufig getan, auch für den Preis, dass Y dadurch selbst infrage gestellt wird. Der Wille zur (dialektischen) Macht wird unterwegs alle Barrieren sprengen. Wenn wir annehmen, dass für jede mögliche Behauptung ein ultimatives Argument existiert (nach dem dialektisch-systematisch gesucht wird), dann ist es wahrscheinlich, dass dies ein ultimatives Regressargument ist, mit dem die Behauptung ad absurdum geführt wird.

Deshalb können die dialektischen Argumente erster Güte nicht oder nur schwer in Frage gestellt werden – sie sind aus Beton, zumindest so lange, bis ein Regress stattfindet.
Doch ist das der endgültige Stand der Dinge?

Erwartet uns nichts mehr als der endlose Kampf, in dem der stärkere gewinnt?
Wird die Zukunft genauso langweilig sein, wie der heutige und der vergangene Tag?

In der Perspektivenlogik verfolgen wir eine einfache Strategie – wir entwerfen Argumente, welche sich jeder Dialektik anpassen, wodurch solitäre Argumente für spezielle Wahrheiten generell keinen Sinn mehr besitzen können, ganz unabhängig davon, wie vollständig oder wie wirkungsvoll sie sind.

Steht das gleiche Argument sowohl für die These, als auch für die Antithese ist die Widersprüchlichkeit singulärer (also unvollständiger) Argumentation bewiesen.
Dies ist dialektisch und logisch stichhaltig (und als Erkenntnis keinesfalls neu).
Erweist sich jedoch ein vollständiges Argument in seinem ureigenen logischen Raum als widersprüchlich ist der Beweis der Widersprüchlichkeit des dialektischen Modells als Ganzes erbracht.
Auch das ist nichts neues – doch wohin dann?

Was folgt ist die Perspektivenlogik.

16.01.2013