Fraktale Denkräume. Über das zeitliche Konzept der Selbstidentität. Über die Realität der selbstidentischen und über die Irrealität der nichtselbstidentischen Dinge. Über den Wesensunterschied zwischen Geist und Materie.

von Maciej Zasada

These
Die Selbstidentität der Dinge (als der Maßstab ihrer Realität) kann ausschließlich innerhalb der Gegenwart behauptet werden.

Grund 1. Weil eine reale Existenz ausschließlich innerhalb der Gegenwart erfolgen kann. 

Es ist zwar möglich, von grundsätzlicher Selbstidentität der (reellen) Dinge, genauso wie von der Gegenwart eines Menschen oder der Erde als einer Gesamtheit zu sprechen; spätestens jedoch dann, wenn es sich um die zeitliche Grundlage der Selbstidentität handelt, erweist sich die Annahme der nicht zeitbezogenen Selbstidentität als unlogisch.

Die Problematik, die hier entsteht, betrifft die Gegenwärtigkeit der Dinge. Wir behaupten, dass zwei Menschen, die sich in einem Haus begegnen, dieselbe Gegenwart teilen. Gleichzeitig erkennen wir aber klar, dass es die Gegenwart des gesamten Sonnensystems nicht geben kann. Wie müsste dann eine Gegenwart genau beschaffen sein, welche zwei separate Punkte im Raum betreffen würde? Eine solche Gegenwart müsste zwei Punkte im Raum gleichzeitig betreffen. Die Existenz einer solchen Gegenwart ist aber innerhalb eines relativistischen Modells nicht möglich, unabhängig davon, wie weit solche zwei Punkte voneinander entfernt sind.

Wenn es keine Gleichzeitigkeit zwischen den Ereignissen auf Erden und auf dem Mond gibt, dann gibt es keine Gleichzeitigkeit zwischen zwei sich beliebig nahe stehenden Punkten A und B im Raum (und wenn es keine Gleichzeitigkeit zwischen A und B existiert, dann kann es keine gemeinsame Gegenwart der Punkte A und B geben [wäre eine Gegenwart den Punkten A und B gemeinsam, müsste sie gleichzeitig A und B betreffen, was unmöglich ist {es ist unmöglich, weil die Bewältigung einer beliebigen Entfernung zwischen zwei Punkten im Raum, auch einer minimalen, für jede Art von Signal (Information) und für jede Geschwindigkeit innerhalb einer Zeitspanne erfolgt. Vergeht zwischen dem Versenden und dem Empfangen eines beliebigen Signals Zeit, erfolgen die Versendung und der Empfang des Signals nicht gleichzeitig. Geschehen die Ereignisse A und B nicht gleichzeitig, ist die Gegenwart A verschieden von der Gegenwart B}]).

Fazit 1: Ereignisse der Gegenwart geschehen gleichzeitig.

Fazit 2: Ereignisse der Gegenwart sind selbstidentisch.

Fazit 3: Ereignisse, welche räumlich getrennt stattfinden, geschehen nicht gleichzeitig.

Fazit 4: Zwei räumlich getrennte Ereignisse geschehen füreinander in der Vergangenheit.

Fazit 5: Für zwei räumlich getrennte Ereignisse (Punkte), existiert es keine gemeinsame Gegenwart.



[These]

Wenn wir die Gegenwärtigkeit der Dinge als Maßstab ihrer Realität betrachten (in dem Sinne, dass reelle Dinge in ihrer jeweiligen Gegenwart existieren), dann müssen wir zuerst den Bereich, in dem wir die Realität vermuten, auf eine raumlose Gegenwart des geometrischen Punktes beschränken.

[Beweis]

Unabhängig davon, wie klein der Raum R ist, von dem behauptet wird, er enthält die gesamte Gegenwart R – es wird immer möglich sein, einen Raum R‘ zu konstruieren, der im R enthalten ist, womit automatisch erwiesen wird, dass R nicht mit sich selbst identisch ist (sondern unabhängige Räume enthält, welche selbst nicht mit R identisch sind).

Die räumliche (und die zeitliche) Ausdehnung der Gegenwart existiert daher nicht (es existiert reell kein Raum der Gegenwart – wo Raum im Spiel ist, findet bereits Vergangenheit statt).
Die Realität betrachten wir fälschlicherweise als materiell, als die Summe existierender Gegenstände und Ereignisse. Doch gerade das, was keine Gegenständlichkeit besitzt, existiert in Wirklichkeit real (innerhalb eigener Gegenwart).

Daher: (Die Selbstidentität der Dinge kann ausschließlich innerhalb des zeitlichen Kontextes der Gegenwart behauptet werden.)

Grund 2. Weil die Realität des Existierenden ausschließlich innerhalb der Gegenwart denkbar ist.

Denn nur das gegenwärtige geschieht wirklich. Alles Vergangene unabhängig, ob vor einem Jahr, vor einem Tag oder vor einer Sekunde geschehen, geschieht nicht (mehr).

Daher: (Die Selbstidentität der Dinge kann ausschließlich innerhalb des zeitlichen Kontextes der Gegenwart behauptet werden.)

Grund 3. Weil der Unterschied zwischen dem selbstidentischen, innerhalb der Gegenwart operierenden Subjekt (Beobachter) und dem von ihm verschiedenen Objekt im Raum genau der Unterschied ist, der zwischen der Realität und der Erinnerung besteht.

Wir dürfen nunmehr annehmen, das zwischen verschiedenen Vergangenheiten kein qualitativer Unterschied besteht – der Unterschied zwischen ihnen besteht höchstens in ihrer jeweiligen Tiefe. Wenn aber kein Unterschied existiert zwischen der Vergangenheit des heutigen Morgens, den Du mit deiner Frau verbracht hast und der (künftigen) Vergangenheit des letzten Atemzugs deines Lebens, dann muss man, lieber Leser, annehmen, dass sowohl die eine als auch die andere Vergangenheit gleichermaßen unwirklich sind. Für wirklich dürften wir nämlich ausschließlich das halten, was in der Gegenwart stattfindet – alles Vergangene steht zu dieser speziellen Wirklichkeit wie die Realität des heutigen Morgens zu der Realität des Augenblicks, an dem wir abends über die vergangene Wirklichkeit des Tages sinieren.

Dein materieller Körper, als ein räumlicher Gegenstand, ist nicht mit dir selbst identisch (siehe: [Beweis]). Das selbstidentische an dir ist vielmehr dein immaterielles Wesen. Du und dein Körper bildet eine Verbindung, deren Zweck, die Verbindung zwischen Geist und Materie ist. Der Inhalt dieser Verbindung ist es, deine Seele an der materiellen Welt teilnehmen zu lassen.
Auch wenn Du davon überzeugt bist, mit deinem materiellen Körper identisch zu sein, so ist deine Überzeugung falsch – auch innerhalb deines eigenen Körpers kann von keiner Gleichzeitigkeit und von keiner umfassenden und integrierenden Gegenwart der einzelnen Körperteile die Rede sein.

Du bist nicht dein Körper. Dein Körper stirbt.