Wissen – Unwissen – Erkennen. Über die Wahrheit der Falschheit.

von Maciej Zasada

 Das Wissen über Wahrheit. 

Die Wahrheit wird entweder erkannt oder sie wird nicht erkannt. Sie ist jedenfalls als Gegenstand des Erkennens absolut (in dem Sinne, in dem es keine graduierende Zwischenstufen der Wahrheitskenntnis geben kann – im Gegensatz zu den graduierenden Zwischenstufen der Erkenntnis – diese gibt es freilich).
Daher wird das, was wir als Wahrheit erkennen meistens bloß (und im besten Fall) als wahr erkannt. Wir markieren die Wahrheit der Dinge, indem wir Dinge als wahr erkennen und sie als wahr bezeichnen. Wir erkennen daher nicht die Wahrheit, sondern das Wahrsein der Dinge.

Es existiert aber ein essenzieller Unterschied zwischen dem erkannten Wahrsein von A und der Wahrheit A als apriorischer Ordnung, in der wahre Dinge vorliegen.

Das Wahrsein der Dinge bezieht sich auf die Wahrheit innerhalb eines punktuellen Existenzkontextes (punktuell im Raum und in der Zeit). Ihre Wahrheit bezieht sich dagegen auf die Selbstidentität ihres Daseins innerhalb eines beliebigen (raumzeitlichen) Kontextes (die Behauptung, dass die Zimmerhöhe von Ludwigs Zimmer 250cm beträgt, kann sich auf ein zur Zeit der Messung und auf ein zur Zeit Ludwigs Existenz existierendes Zimmer beziehen; dieselbe Behauptung wäre vor 500 Jahren und wird in 500 Jahren wahrscheinlich falsch sein).

Indem behauptet wird „Es ist wahr, dass X der Besitzer der Immobilie Y ist, denn es wurde festgestellt, dass X darin wohnt und X behauptet selbst, der Besitzer von Y zu sein“ wird das Wahrsein des Umstandes (des Kontextes) der Behauptung bestätigt. Die Wahrheit der Behauptung, dass X der Besitzer der Immobilie Y ist, wird jedoch erst dann feststehen, wenn die Eintragung im jeweiligen Grundbuch eingesehen wird (das betreffende Grundbuch ist der absolute Kontext der Behauptung, dass X der Besitzer von Y ist, solange die Eintragung stimmt und solange Grundbücher existieren und Gültigkeit besitzen).

Neben der Wahrheit als einer zu erkennenden, jeweilig indiskutablen, tautologischen Ordnung, existiert notwendigerweise das Wissen über die Wahrheit, in dessen Besitz sich eine erkennende Instanz befinden kann, oder auch nicht.

Wir sind nun soweit, etwas mehr über die Wahrheit zu erfahren, mehr vielleicht als es manch einem lieb ist, denn folgende Zeilen sind grundlagenstörend.

 

Über die Wahrheit der Falschheit.

Die Falschheit zu erkennen heißt das Wahrsein der Falschheit zu erkennen. Das Erkennen ist nämlich grundsätzlich ein Akt der positiven Identifizierung, auch dann, wenn es sich bei dem Erkannten/Identfizierten um eine Falschheit handelt.
Es ist offensichtlich, dass die Gegenüberstellung der Wahrheitswerte ‚wahr‘ und ‚falsch‘, welche die Grundlage der ausschliessenden Wahrheitslogik bildet, keine gültige Gegenüberstellung der sich ausschliessenden Wahrheitswerte im logischen Sinne ist.
Jede erkannte Falschheit ist nämlich zugleich als Produkt eines Erkenntnisprozesses zu bezeichnen. Am Ende eines jeden abgeschlossenen Erkenntnisprozesses steht aber eine positive Erkenntnis: eine erkannte Wahrheit.
Jede erkannte Falschheit ist daher desto gültiger (‚gültig‘ im Sinne ‚als wahr erkannt und als wahr geltend‘), je mächtiger sie als eine positive Erkenntnis (erkannte Wahrheit) ist.

 

Der fundamentale Widerspruch der ausschliessenden Wahrheitslogik.

Indem wir über die Wahrheit der Aussage x entscheiden, entscheiden wir nicht über die Falschheit der Aussage y – wir entscheiden über die Wahrheit von y als eines Gegensatzes von x.

Wir erkennen stets die Wahrheit – dies ist das universelle Wesensmerkmal des Erkennens und der Grund, warum (1) die ausschliessende Wahrheitslogik keine Logik ist (der intrinsische Widerspruch des ‚wahr‘ – ‚falsch‘ – Gegensatzes, welcher die Grundlage aristotelischer Logik bildet, ist artiffiziell – dieser Widerspruch existiert nicht wirklich, denn erkannte Wahrheit und erkannte Falschheit gleichermaßen wahr sind), und warum (2) es in der Welt so viele, Falschheit „erkennende“, „ausschliessliche“ und ausschliessende Wahrheiten gibt (der Grund dafür ist das aus dem  ‚wahr‘ – ‚falsch‘ – Gegensatz resultierendes „Tertium non datur“-Prinzip: entweder a oder b: wenn a, dann nicht b, dann nicht c, dann nicht d…)
Die Wahrheit durch Logik zu erkennen: dies nenn ich sinnvoll.