ÜBER DIE ZEIT. ÜBER DIE SEELE.

von Maciej Zasada

Bischof Augustinus: ´Bekenntnisse´/11. Buch:

Kap. 20: „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind als Vorstellungen nur deshalb in der Gegenwart möglich, weil wir eine Seele haben.“

„Es gibt drei Zeiten, die Gegenwart von Vergangenem, die Gegenwart von Gegenwärtigem und die Gegenwart von Zukünftigem. Denn diese drei sind in der Seele in einem gewissen Sinne, und anderswo finde ich sie nicht: die Gegenwart des Vergangenen als Erinnern, die Gegenwart des Gegenwärtigen als Anschauen, die Gegenwart des Zukünftigen als Erwarten.“

Es wird hier versucht, einige Grundbegriffe der Realität zu definieren. Es wird außerdem versucht dem Wesen der Zeit näher zu kommen und die Verbindung, auf die Augustinus hinwies (die Verbindung zwischen der Existenz der Gegenwart und dem Vorhandensein der Seele), aufzuzeigen.

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§1. Definition des Raumes:
Der Raum ist die Gesamtheit der Ortskoordinaten der Vergangenheit.

Indem ich die Position eines jeden Beobachters in der Gegenwart verankere, entscheide ich gleichzeitig, dass der Raum, in dem sich die Wirklichkeit eines Beobachters abspielt, bezogen auf diese, vollständig innerhalb der Vergangenheit stattfindet.

Beweis: Nichts kann gleichzeitig mit dem Augenblick der singulären Gegenwart des Beobachters geschehen. Dazu müsste sich das Licht als der schnellste Träger der Information über Ereignisse, mit unendlicher Geschwindigkeit ausbreiten und alle Prozesse der Signalverarbeitung (die dazu notwendig sind, um etwa Reize, welche die Sinne des Beobachters erreichen – wie elektromagnetische Wellen – in elektrische Gehirnströme umzuwandeln) in Echtzeit geschähen, was nicht möglich ist.
In Wirklichkeit entstehen sämtliche Eindrücke und Reize, die den Beobachter erreichen, in der Vergangenheit, und zwar, weil sie, bezogen auf die Gegenwart der Beobachtung, in der Vergangenheit entstehen (müssen). Aus der Gegenwartsperspektive des Beobachters geschieht nämlich nichts, was ihn aus dem umgebenden Raum erreicht, gleichzeitig mit der Gegenwart seiner Wahrnehmung, denn jedes ankommende Signal ein Signal ist, das im Raum der Vergangenheit entstanden ist. Der Raum ist daher tatsächlich die Gesamtheit der Ortskoordinaten der Vergangenheit, was zu zeigen war.

Feststellung:
Unabhängig von der jeweiligen Entfernung ihrer Quelle vom Beobachter, entstehen sämtliche Signale der Wirklichkeit, wie die materielle Wirklichkeit selbst, in der Vergangenheit.

Obwohl diese Feststellung bei den weit entfernten Objekten des Universums einleuchtend erscheint, so erscheint sie im mikrokosmischen Bereich des irdischen Alltags fragwürdig – sie muss jedoch notwendig auch im mikrokosmischen Bereich gelten, ja, sie muss sogar den eigenen materiellen Körper des Beobachters betreffen – sie betrifft ausnahmslos alle räumliche Objekte und Körper, denn jede Entfernung, auch die kleinste, vom Licht, als dem schnellsten Informationsträger, innerhalb einer bestimmten Zeitspanne bewältigt wird – wo aber die Zeit vergeht, dort entsteht die Vergangenheit.

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§2. Definition der Vergangenheit:
Die Vergangenheit ist der Bereich der Realität, in dem die quantenmechanische ψ-Funktion nicht gilt.

Die Vergangenheit ist nicht etwa der Bereich der Realität, in dem das Vergangene stattfindet, es findet darin das bereits Entstandene statt – das Entstandene dauert und vergeht.
Die Vergangenheit bildet einen Raum, in dem die materiellen Dinge der physikalischen Wirklichkeit entstehen, dauern und vergehen.

Das, was in der Vergangenheit (materiell) existiert, muss notwendig vergehen, weil Es einmal entstanden, bereits ein Teil der Vergangenheit ist.

Das metaphysische Konzept der materiellen und immateriellen Existenz:
Dadurch, dass die Beobachterinstanz einerseits materiell existiert, nämlich als ein Körper im Raum, andererseits ein Bestandteil der immateriellen Gegenwart [§3] ist, nämlich als die einzige Instanz, welche an der Gegenwart teilnimmt, ist es uns möglich, das dualistische Konzept der Existenz zu erstellen.
Wir postulieren die Existenz des Beobachters als einer ambivalenten Entität, welche sich einerseits aus dem vergänglichen, materiellen Körper, andererseits aus der unvergänglichen, immateriellen Seele zusammensetzt.
Dieses, sehr alte (altindische Tradition), esoterische Postulat, enthält somit einen strengen empirischen Rahmen.
Die Existenz der unsterblichen Seele kann als eine wissenschaftlich plausible Theorie aufgefasst werden:

Die Existenz der Seele als ein empirisches Postulat.
Indem wir die Position der beobachtenden Instanz innerhalb der Gegenwart setzen und indem wir den Raum um sie, inklusive des Raumes, der durch ihre körperliche Hülle beansprucht wird, als die Gesamtheit der Ortskoordinaten der Vergangenheit definieren, bestimmen wir, dass jeder Beobachter aus zwei Instanzen besteht: aus dem vergänglichen, innerhalb des Raumes existierenden Körper und aus der unsterblichen, innerhalb der Gegenwart existierenden Seele.

Das Konzept der Zeit als „missing link“ zwischen der Quanten- und der Relativitätstheorie (etwas deplatziert, gehört aber hierhin).
Indem wir, um die Vergangenheit zu definieren, die quantenmechanische ψ-Funktion (als Definiens) verwenden, stellen wir die Verbindung zwischen der Quantenmechanik und ihrem Gegenstand – der Zeit her. Indem wir die Vergangenheit mit dem Raum in Verbindung setzen, stellen wir die Verbindung zwischen der Relativitätstheorie und ihrem Gegenstand – der Zeit her.
Indem wir sowohl die Quantenmechanik, als auch die Relativitätstheorie mit ihrem jeweiligen Gegenstand in Verbindung setzen, setzen wir sie untereinander in Verbindung, denn der Gegenstand beider Theorien derselbe ist.

(A = C) ∧ (B = C) ⇒ A = B.


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§3. Warum die Seele unsterblich ist: das Konzept der Gegenwart.

Definition der Gegenwart: die Gegenwart ist der Bereich der Realität, in dem die quantenmechanische ψ-Funktion kollabiert (quantenmechanische Zustandsreduktion). Die Gegenwart ist der raum- und zeitlose Ort, an dem der Vorgang der Beobachtung stattfindet.

Die Gegenwart ist der Bereich der Realität, an dem die Begriffe „Zeitdauer“, „Zeitverlauf“, „Vergangenheit und „Zukunft“ insofern einen Sinn haben, als dass sie erinnert und / oder vorgestellt werden (Augustinus). Als Begriffe, welche konkrete physikalische Zustände oder Größen betreffen, sind sie innerhalb der Gegenwart sinnlos. Wenn daher, innerhalb der Gegenwart, eine Instanz existiert, dann findet ihre Existenz nicht innerhalb der Zeit statt. Für sämtliche Instanzen, welche innerhalb der Gegenwart existieren, gilt, dass die Begriffe „Zeitdauer“, „Zeitverlauf“, „Vergangenheit“ und „Zukunft“ sie nicht betreffen. Sie existieren außerhalb der Zeit – in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit, in der die Dinge entstehen, dauern und vergehen und nicht in der Zukunft, in der die Dinge noch nicht entstanden und höchstens wahrscheinlich sind.
Was nicht entsteht, nicht dauert und nicht vergeht…aber IST, existiert außerhalb der Zeit (ist ewig). Um die Gegenwartsinstanz des Beobachters zu bezeichnen, werden wir den Begriff „Seele“ benutzen. Wir werden über die Natur der Seele keine sonstigen Angaben machen.

Wenn wir die Beobachter-Instanz der Gegenwart eine „Seele“ nennen und das, was nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft existiert, aber IST, als unsterblich bezeichnen, dann haben wir (wenn wir die erwähnten Voraussetzungen der Methode berücksichtigen) die Existenz der unsterblichen Seele empirisch begründet.

§4. Definition der Zukunft.

Die Zukunft ist der Bereich der Realität, in dem die quantenmechanische ψ-Funktion uneingeschränkt gilt.
Der Eigenzustand der Systeme der Zukunft (und der Zukunft der Systeme) bezeichnen wir als „Superposition“.

Wikipedia: „In der Quantenmechanik wird ein physikalisches System durch eine Überlagerung („Superposition“) unterschiedlicher Zustände beschrieben.[…] Wird an einem solchen System eine Messung durchgeführt, so werden die Experimentatoren stets einen einzigen Messwert (Eigenwert eines Eigenzustands) ermitteln. […] Dieser Übergang vom Zustand der Superposition in einen eindeutig bestimmten Zustand wird als Zustandsreduktion bezeichnet. “

Behauptung 1.
Wir behaupten, dass die Quantenmechanik, mit ihrem zentralen Postulat der „Überlagerung“ aller möglichen Zustände eines Quantensystems vor der Messung und mit dem Postulat der Zustandsreduktion im Augenblick der Messung, eine Mechanik der Zeit ist.

Behauptung 2.
Wir behaupten, dass der durch die Schrödinger-Gleichung beschriebene Eigenzustand, in dem sich die möglichen Zustände des Systems überlagern (Superposition), der Zukunft der deterministischen Ordnung entspricht, in denen sich der Akt der Beobachtung ereignen wird.

Definition: Die deterministische Ordnung der Zeit betrifft die Systeme, deren Zukunft eines Eigenzustands A, sich auf die Gegenwart, in welcher der Eigenzustand A gemessen wird, bezieht. Die Zukunft dieser Systeme findet daher, bezogen auf A, in der Vergangenheit statt. Die Zukunft aus der Perspektive dieser Systeme liegt nämlich in der Gegenwart der Messung des Eigenzustandes A.

Erklärung: Der Unterschied zwischen der kausalen und der deterministischen Ordnung der Zeit besteht darin, dass innerhalb der kausalen Ordnung, die Zukunft des Ereignisses A kausal nach der Gegenwart dieses Ereignisses stattfindet, wohingegen innerhalb der deterministischen Ordnung, die Zukunft des Ereignisses A kausal vor der Gegenwart dieses Ereignisses stattfindet (innerhalb der deterministischen Ordnung, bezieht sich die „Zukunft“ auf das Ereignis A selbst, wohingegen die „Zukunft“ innerhalb der kausalen Ordnung, sich auf die Welt nach der Gegenwart des Ereignisses A bezieht)

Die Existenz des Modells der deterministischen Ordnung der Zeit erlaubt uns zu erklären:
a) warum die Zukunft der Gegenwart von A vor dem Augenblick der Messung von A „sichtbar“ ist?
b) warum sie als Überlagerung der möglichen Eigenzustände von A „sichtbar“ ist?
c) warum dieser Überlagerungzustand im Augenblick der Beobachtung abrupt zu Ende geht?

a) Die Zukunft der deterministischen Ordnung des Ereignisses A lässt sich aus dem Grunde als Überlagerung aller möglichen Zustände A wahrnehmen, weil sie sich in der kausalen Vergangenheit des Ereignisses A ereignet. Sie gehört deshalb, aus Sicht der Gegenwart von A, der Vergangenheit an (§1/§2).
b) Der Eigenzustand der Superposition von A, als der Überlagerung aller möglichen Zustände, der sich als Wahrscheinlichkeitsdichte von A berechnen lässt, lässt sich aus dem Grunde beobachten, weil erstens a) gültig ist, und zweitens weil zukünftige Zustände der Systeme prinzipiell unscharf (nicht eindeutig entschieden, sondern wahrscheinlich) sind, und die Wahrscheinlichkeitsdichte ihrer eindeutig gemessenen Endzustände (Gegenwart A), erst im Augenblick der Messung A einen konkreten Wert 1 aufweist.

c) Behauptung 3.
Wir behaupten, dass die abrupte Zustandsreduzierung, die im Augenblick der Beobachtung stattfindet, dadurch verursacht wird, dass die Zukunft der deterministischen Ordnung eines konkreten Eigenzustands A (die Superposition A) in dem Augenblick zu Ende geht (kollabiert), in dem die Gegenwart von A stattfindet.

Zusammenfassung:
Auch wenn es wahr ist, dass wir als Beobachter unwiderruflich innerhalb der Gegenwart gefangen sind, so ist die Tatsache, dass wir die Zeit als einen Komplex verstehen, der sich aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammensetzt, nicht etwa, wie Bischof Augustinus behauptete, dem menschlichen Geist zu verdanken, der in der Lage ist, die Existenz des vollständigen Zeitkontinuums zu postulieren – die Vergangenheit und die Zukunft existieren nicht nur theoretisch, sie sind vielmehr reale Aspekte der Zeit – Aspekte deren Wirklichkeit unabhängig von der Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes ist.
Es ist uns unmittelbar möglich, aus der Perspektive der Gegenwart, die Vergangenheit zu beobachten – unsere sichtbare, materielle Welt – die Raumzeit. Aus derselben Perspektive ist es uns nicht nur möglich auf die Existenz der Zukunft kognitiv zu schließen, sondern auch ihre reelle Auswirkungen auf die Quantensysteme vorherzusagen, zu beobachten und zu messen.

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Beschreibung: Beachte, dass innerhalb der deterministischen Zukunft, die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses A sich mit der Zeit verdichtet, wohingegen dieselbe Wahrscheinlichkeit, innerhalb der deterministischen Vergangenheit, abnimmt.