Über Realität aus der Perspektive der deterministischen Zeitordnung.

von Maciej Zasada

Irgendwann geht der längste Urlaub zu Ende.
Wir packen die Zelte und fahren Heim.
Nach einigen Stunden kommen wir Zuhause an, sprechen mit den Nachbarn, gießen die Blumen….
Dann ist der letzte Urlaubstag auch schon zu Ende – wir gehen schlafen.
Doch bevor wir einschlafen, denken wir darüber nach, wie wir noch am heutigen Morgen im Wald aufgewacht sind…
Die Urlaub-Wirklichkeit ist in diesem Augenblick nicht mehr präsent. Wir sehen sie zwar nicht als unwirklich an – wir haben sie ja noch deutlich vor Augen – aber sie besitzt in der aktuellen Wirklichkeit nicht mehr den Stellenwert, den sie noch am heutigen Morgen besaß.
Unsere Urlaubsabenteuer sind für uns nur noch eine Erinnerung.
Doch dies ist nicht alles – eine Erinnerung ist auch die Konversation mit den Nachbarn und auch das, dass wir, bevor wir uns hingelegt, die Zähne geputzt haben.
Eine Erinnerung ist auch die Tatsache, dass wir vor einer Sekunde das Licht ausgeschaltet haben und dass wir “jetzt” angefangen haben, über all dies nachzudenken.

Wir dürfen nunmehr annehmen, das zwischen verschiedenen Vergangenheiten kein qualitativer Unterschied besteht – der Unterschied zwischen ihnen besteht nur in ihrer jeweiligen Tiefe.
Wenn aber kein Unterschied zwischen der Vergangenheit des heutigen Morgens und der Vergangenheit des Lichtausknipsens vor dem Schlafengehen existiert, dann muss angenommen werden, dass sowohl die eine als auch die andere Vergangenheit gleichermaßen unwirklich sind – für wirklich dürften wir nämlich ausschließlich das halten, was im Augenblick der Gegenwart stattfindet – alles Vergangene steht zu dieser speziellen Gegenwart, wie die Wirklichkeit des heutigen Morgens zur abendlichen Wirklichkeit des Augenblicks, in dem wir über den vergangenen Tag nachdenken.
Wenn dem so ist, dann ist es folgerichtig anzunehmen, dass allein das, was in der Gegenwart passiert, wirklich und real ist. Alles andere muss eine Vergangenheit sein – eine nicht real existierende Tatsache (Erinnerung).
Die Folge wäre die Erkenntnis, dass dem Raum ein mehr oder minder tiefer Attribut der Vergangenheit innewohnt (dies zu begründen ist einfach: zwei beliebige Punkte im Raum müssen voneinander entfernt sein – jede Entfernung wird in der Zeit bewältigt: vergeht die Zeit – entsteht die Vergangenheit)
Als Konsequenz müssten wir annehmen, dass der Raum, wie die Vergangenheit, nicht real existiert
Die Konsequenz der Behauptung, dass die Vergangenheit und der Raum dasselbe sind, ist die Feststellung der Nichtrealität der Dinge dieser Welt.
Alle Tatsachen der Welt, alle Fakten, alle Beobachtungen, alle Wirklichkeit sowie das, was wir unser Körper nennen, sind mehr oder minder frische Erinnerungen.
…Doch, wie wir gerade festgestellt haben, Erinnerungen existieren nicht real…

Wenn wir soweit gekommen sind, sind wir berechtigt folgende Frage zu stellen:

Existieren die Dinge, die Zustände und die Phänomene der Realität nur im Augenblick der Wahrnehmung oder (auch) innerhalb ihrer eigenen Vergangenheit und Zukunft (als „Dinge-an-sich“)?
Mit dieser Fragestellung verlagern wir die Diskussion über die explizite Wirklichkeit (der Dinge) und über die implizite Realität (der Dinge an sich) in den Bereich der zeitlichen Ordnung. Wir entziehen uns dadurch der Unbestimmtheit der Sprache und sind in der Lage, klare Unterscheidungen zu treffen.
Wir beenden somit den vergeblichen Versuch, das Problem der Realität frontal, also auf der sprachlichen Ebene der Begrifflichkeit zu lösen.

Wenn wir das Problem aus der Perspektive der kausalen Zeitordnung betrachten, ist die gestellte Frage unentscheidbar, bzw. sie stellt sich gar nicht.
Dass Dinge, bezogen auf den Augenblick der Beobachtung, in der jeweiligen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren ist aus der Perspektive der kausalen Ordnung unstrittig – schliesslich entsteht damit die Vorstellung einer kausal geordneten, stabilen Realität..
Betrachten wir jedoch dieselbe Frage unter Berücksichtigung der Existenz der deterministischen Ordnung der Zeit, sieht die Sache völlig anders aus.
Innerhalb der deterministischen Zeitordnung ist nämlich eine bestimmte Existenz nur innerhalb einer individuellen und limitierten Zeitspanne vorstellbar – die Vergangenheit und die Zukunft betreffen innerhalb dieser Zeitordnung auf der einen Seite die Existenz als solche und auf der anderen die beiden Zeitspannen, in denen das wesentlichste Merkmal besagter Existenz die Nichtexistenz ist (die Zeitaspekte „Zukunft“ und „Vergangenheit“ betreffen innerhalb der deterministischen Ordnung die Zeitperioden, in denen die betreffende Existenz nicht gegenwärtig ist, sondern als solche noch der Zukunft oder schon der Vergangenheit angehört)

Die Achse des Unterschieds
Obwohl sich transphänomenale Strukturen der Realität der unmittelbaren Betrachtung entziehen, erhalten wir dennoch, und zwar wenn wir die Realität durch das Prisma der deterministischen Zeitordnung betrachten, konkrete Hinweise auf ihren impliziten Aufbau.
Wenn wir die Dinge und Phänomene der Wirklichkeit aus der Perspektive der deterministischen Ordnung der Zeit betrachten, stellen wir fest, dass ein substanzieller Unterschied zwischen dem Endlichen (Vergänglichen) und dem Ewigen (Unvergänglichen) besteht.
Dieser Unterschied ist elementar für die Realität (für das Universum als Ganzes und für all seine Bestandteile).

Etwas, dessen Existenz endlich ist, dessen Existenz sich innerhalb einer bestimmten Zeitspanne vermarken lässt, hat in der deterministischen Zeitordnung Bestand – es muss entstanden sein, und es muss irgendwann vergehen.
Sowohl das Endliche (das Existierende), wie das Sterbliche (das körperlich Lebende) erscheinen notwendig in der Welt (nämlich dann, wenn ihre Existenz in einer bestimmten, bereits vergangenen Gegenwart in Zukunft lag) und scheiden aus der Welt notwendig aus (nämlich dann, wenn ihre Existenz in einer bestimmten Zukunft der Vergangenheit gehören wird).
Sowohl das Endliche, wie das Sterbliche verfügen über eine konkrete (zeitlich limitierte) Präsenz innerhalb der deterministischen Zeitordnung.
Das wiederum, was nicht endlich, bzw. nicht sterblich ist, muss entweder außerhalb der Realität existieren, oder, wenn es innerhalb der Realität existiert, ein persistenter Bestandteil der Gegenwart sein.

Begründung:

Es mag uns an dieser Stelle verwundern, dass es uns nicht gelingt, eine simple Unterscheidung zwischen dem Geist und der Materie herzustellen (obwohl sie uns recht wünschenswert erscheint, eine lange Tradition besitzt und Vieles einfacher machen würde)
Warum lässt sich diese Unterscheidung nicht konstruieren?
Weil, wenn wir entscheiden würden, die expliziten Dinge lägen ausschließlich in materieller Form vor, dann müssten wir beispielsweise die explizite Existenz derjenigen Phänomene ausschliessen, welche zwar innerhalb der deterministischen Zeitordnung existieren, welche jedoch keine materielle Präsenz besitzen (wie etwa der Staat).
Die Achse des Unterschieds muss irgendwo anders verlaufen, und zwar gerade zwischen dem Unvergänglichen und dem Vergänglichen (der Unterschied zwischen Geist und Materie wäre darin automatisch enthalten).
Und was wäre die Achse (die Ebene) des Unterschieds?
Der Unterschied zwischen dem Vergänglichen und dem Unvergänglichen besteht darin, dass das Eine ein Bestandteil der kausalen Vergangenheit ist (auch dann, wenn es sich tatsächlich um die Zukunft der deterministischen Zeitordnung handelt) und das Andere entweder ein kontinuierlicher Bestandteil der singulären Gegenwart ist oder eine Entität ist, welche außerhalb der Wirklichkeit existiert.

Die Struktur.
Die Relation zwischen dem „Unvergänglichen“ und dem „Vergänglichen“ entspricht in etwa der Relation, welche zwischen einer Autobahn und den darauf fahrenden Autos besteht.
Die Funktion einer Autobahn (welche in unserer Metapher das „Unvergängliche“, das „Programm“ repräsentiert) ist die Gründung einer stabilen (kontinuierlichen) Grundlage des Verkehrs (dazu entstehen normierte Ein- und Ausfahrten, Verkehrszeichen, Schilder, Brücken, Rastplätze, Tankstellen etc.).
Die Autos, welche die Autobahn befahren (welche in unserer Metapher das „Vergängliche“, das „Variable“ repräsentieren) sorgen dafür, das die Funktion der Autobahn mit LEBEN erfüllt wird (Autos besitzen eine zeitlich begrenzte Präsenz, nehmen Teil an Unfällen und Staus, werden durch Baustellen oder Wetterverhältnisse an fließender Weiterfahrt gehindert, werden von Autofahrern gelenkt, welche sich nicht unbedingt an die Verkehrsregeln halten, gehen kaputt und stehen an dem Standstreifen, wo sie von den vorbeifahrenden LKW’s erfasst werden, etc.).
Die Autobahn ist das Grundgeflecht des Spiels, seine Matrix – die Autos sind das, was darin lebt und vergeht – das Variable.
Das Unvergängliche erschafft das strukturelle Grundgeflecht, innerhalb dessen das Vergängliche besteht und funktioniert.
Beide ergänzen sich und bilden zusammen einen einheitlichen Sinn, den sie ohneeinander nicht besäßen.

Das, was stabil ist, ist das Unvergängliche, das innerhalb der Gegenwart Existiertierende (Geist), das außerhalb der Realität Stehende (Gott / das „Programm“ der Realität…die metaphorische „Autobahn“).
Alles andere ist vergänglich und real.
Das Ding an sich ist das Ding innerhalb seiner zeitlichen Begrenzung – es ist eine Repräsentanz innerhalb der deterministischen Ordnung.

Die Frage der Kontinuität.
Wenn angenommen wird, dass das Universum einen Anfang in Zeit besaß, dann darf angenommen werden (obwohl dies aus der Gegenwartsperspektive nicht unmittelbar ersichtlich ist), dass es irgendwann ein Ende haben wird. Was nämlich einen Anfang in der Zeit besitzt, existiert notwendigerweise innerhalb der deterministischen Ordnung (denn seine Existenz lag in einer bestimmten Vergangenheit in der Zukunft) – als solche existiert es innerhalb einer limitierten Zeitspanne.
Alles, was innerhalb der deterministischen Zeitordnung existiert, ist daher vergänglich, wird zum Leben erweckt und stirbt, wird erschaffen und vergeht, entsteht im Big Bang und geht mit großen Trara unter.

Alles Vergängliche sehnt sich nach Stabilität und Kontinuität.
Alles Vergängliche will nicht vergehen.
Alles Vergängliche will bemerkt werden, umgibt sich mit stabilisierenden Prozessen, Zwängen und Prozeduren.
Je instabiler eine Existenz, desto verzweifelter der Versuch, sie zu stabilisieren (die arktischen Lager, welche auf den einsamen Eisschollen des nördlichen Meeres treiben, werden bevorzugt mit eigens für sie hergestellten Stempeln, Briefmarken und anderem nutzlosen Zeug ausgestattet).

Die Antwort ist: alles, was sich beobachten lässt, existiert innerhalb der deterministischen Zeitordnung, existiert und vergeht notwendigerweise
Dies ist die Regel.
Das, was nie vergeht, das reflektiert.
Das Beobachtende und das Beobachtete sind sich nicht gleich, im Gegenteil – es sind zwei völlig verschiedene Bestandteile eines sinnvollen Universums…
Der Sinn des Universums besteht darin, eine Aufgabe zu erfüllen: die Ewigkeit mit LEBEN zu füllen.