Flieger, grüßt mir die Sonne!

von Maciej Zasada

“If we don’t change direction soon, we’ll end up where we’re going.”” (Irwin Corey)

In dem Moment, in dem wir wie selbstverständlich über den Geist, über das Ding an sich, über das Denken oder das Leben an sich sprechen, fliegen wir gegen das Glas der Fliegenfalle, und zwar auch dann, wenn es uns scheint, dass wir über nützliche Konzepte und Beschreibungsmethoden verfügen, die uns davor bewahren (auch eine Fliege erkennt nicht, dass zwischen ihr und der Außenwelt eine unüberwindbare Glasfläche existiert, sie fliegt gegen das Glas solange, bis ihre Energievorräte vollständig aufgebraucht sind).
Wir haben keine Erfahrung mit dem Geist an sich und keine mit dem Ding an sich – für ein Ding an sich müsste nämlich an sich auch der Tod gehalten werden und mit diesem hat garantiert keiner, der am Leben hängt, irgendeine Erfahrung gesammelt – dies nebenbei als eine nützliche Eselsbrücke…
Genauso wie wenig sich über den Tod aussagen lässt, lässt sich über andere Universalien aussagen, und zwar nicht etwa, weil sich über den Tod beispielsweise aus der Perspektive des Lebenden nicht reden lässt, sondern weil es sich aus der menschlichen Perspektive grundsätzlich nur explizite Erscheinungen beschreiben lassen.
Auch das Bewusstsein als solches erscheint uns nur im Diesseits so wie es uns erscheint. Dass es nach dem Tode erhalten bleibt, an seiner Stelle ein kosmisches tritt oder gar keins vorhanden ist, ist eine unlösbare Fragestellung, womit jedes Modell des Bewusstseins an sich, in sich zusammenfällt.

Bei der Beschreibung der expliziten Dinge und früher, bei der Konstituierung der Begriffe der Sprache, der mathematischen Axiome oder der elementaren Konzepte der Ontologie spielen die Paradoxien vom Typ „Dieser Satz ist falsch“ oder „Ich bin nicht beweisbar“ insoweit eine entscheidende Rolle, dass sie nicht nur in seltenen Fällen und unter bestimmten Umständen auftreten und entdeckt werden, sondern, dass sie konstitutive Elemente der Grundsysteme sind und jedem Begriff und jedem Axiom und jeder Beschreibung zugrunde liegen.
Dies vernichtet das logische System, in dem das konstitutive und analytische Denken stattfindet und Wahrheit gleichermaßen für beweisbar wie für entscheidbar gehalten wird, vollständig.

Sie sagen, ok, Maciej Zasada spinnt, er kann doch nicht behaupten, dass das Konzept seines Selbstseins falsch ist. Maciej Zasada existiert, atmet, denkt, interagiert wie jeder Anderer auch…
Ja, das stimmt, ich empfinde mein Dasein als exemplarisch für das Sein an sich, doch hier liegt bereits das Missverständnis.
Ich vergleiche die Empfindung meines Daseins mit seinem kognitiven Modell, das ich selbst konstruiert habe und entscheide für mich und für die ganze Welt, dass ich existiere. Der Mechanismus dieser Entscheidung hat bereits jetzt mit meinem impliziten und nichtidentifizierbaren Dasein nichts zu tun…
Schwierig?
Ok, anders herum: mein Dasein entspricht einem allgemeinen Modell des Daseins, hat jedoch mit der Ebene des wirklichen Daseins (an sich), selbst dann, wenn es mir unmöglich erscheint, gar keine Verbindung.
Die fundamentale Ebene meines Daseins könnte nämlich im Computerprogramm liegen, dessen Variable ich in Wirklichkeit bin, oder im Traum einer blauen Anemone zu finden sein…oder darin, dass ich eine vollständige, in sich selbst enthaltene und mit sich selbst interferierende Ganzheit bin. Verstehen Sie worauf ich hinaus will?
Dass sich Widersprüche in den Fundamentalen Konzepten der Mathematik finden lassen ist keine Ausnahme, sondern (solange mathematische Konzepte innerhalb der Sprachlogik entstehen und die verwendete Begriffssprache ein Widerspruch an sich ist) eine Regel, welche systemrelevant und systembestimmend ist.

Anfangs dachte ich noch, dass es gut wäre, über die Mechanik des Denkens nachzudenken, anfangs dachte ich noch, dass die Logik Schritt für Schritt modifiziert werden kann – heute weiß ich, dass wir vor der endgültigen Entscheidung stehen und dass das Scheitern entsetzliche Konsequenzen nach sich ziehen wird…

Und wenn Sie denken, dass ich irgendeinen grundsätzlichen Fehler mache, dass ich irgendwas übersehe oder nicht berücksichtige…:
Wie es bei den Dingen an sich, die als Relationen und wie es bei den Relationen, die als Prozesse angesehen werden, wie es bei Klassen und Russelschen „Types“ gewesen ist – die Konstruktion einer Metaebene verschiebt nur die bestehenden Paradoxien auf eine nächst höhere Ebene, auf der sich ihr fester Aggregatzustand scheinbar verflüchtigt; mit der Zeit aber, mit der schwindenden Überzeugung, dass eine Relation etwas anderes ist, als ein Prozess, kondensieren sie erneut zu einem festen, durchsichtigen, wohlbekannten Material – so ist es auch bei der Mathematik der Axiome (was sind die axiomatischen Systeme sonst als Klassen logischer Sätze, welche die Eigenschaft besitzen sollen, Widerspruchsfrei zu sein und anhand dieser Eigenschaft die Bildung der beweisbaren, wahren Sätze der jeweiligen mathematischen Sprache erlauben sollen?)

Aber an sich spreche ich verständlich?

Es ist eine Paranoia – das Leben hier.
Laute verzweifelte, wildgewordene Fliegen, die keine Bedenken haben, das erbärmliche Ding, in dem sie gefangen sind, „Fliegerfalle“ zu nennen.
Ein Buchstabe reicht aus, um eine neue und stolz klingende Metaebene des Daseins entstehen zu lassen…
Fliegen, grüßt mir die Sonne!