16. Quantenrealität (VIII). Die Zeit: Zukunft als Erfindung.

von Maciej Zasada

Unsere Zeitmodelle kommen fast gar nicht ohne die Vorstellung der Zukunft aus. Auch im Alltag operieren wir wie selbstverständlich mit dieser Vorstellung. Trotzdem ist die Existenz der Zukunft als eines festen Elements der Zeit nicht unumstritten. Mehr noch – die Zukunft ist aus „objektiver“ Sicht etwas, dessen Tatsächlichkeit vielmehr geglaubt, als festgestellt wird.
Klar, man kann jederzeit behaupten, dass die Tatsache, dass ich mit ziemlicher Gewissheit behaupten kann, dass die Sonne (morgen) aufgehen wird, ein Beweis für die Existenz der Zukunft sei.
Die Tatsache, dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist jedoch kein Beweis der Existenz der Zukunft (denn die Sonne wird morgen gerade in dem Augenblick aufgehen, in dem sie aufgehen wird…dieser Augenblick liegt nur aus der heutigen Perspektive in der Zukunft, morgen wird er genau genommen die Gegenwart sein – deshalb ist der morgige Sonnenaufgang höchstens ein Zeichen für die Verlässlichkeit der Sphärenmechanik oder für die Existenz einer besonderen Verlässlichkeit, welche die Annahme der Zukunft erlaubt).
Was real geschieht, geschieht bis auf die Gegenwart der Beobachtung in der Vergangenheit (auch wenn wir eigene Hände betrachten, betrachten wir die Vergangenheit).
Die Zukunft kann daher in keinem Punkt der Realität als eine existierende Tatsache betrachtet werden – zu der Realität der existierenden Tatsachen zählen nämlich ausschließlich diejenigen Ereignisse, welche in der Gegenwart stattfinden oder diejenigen, welche in der Vergangenheit stattgefunden haben – die Zukunft dagegen ist aus dieser Perspektive stets eine unerfüllte und mehr oder minder ungewisse Erwartung
Trotzdem ist die Existenz der Zukunft als eines Arbeitsmodells sinnvoll, denn obwohl sie eine Projektion und kein real existierendes Element der Zeit ist, besitzt sie als ein Arbeitsmodell eine evolutionäre Relevanz.

Die Existenz des Zukunftsmodells hat mit menschlicher Art der Gegenwartsverarbeitung und mit der begrenzten Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses zu tun.
Wir bemühen uns, die Dinge im Voraus zu planen, zu wissen, vorherzusehen, um die auf uns in der Gegenwart ungeordnet einprasselnde Information besser verarbeiten zu können – wir bemühen uns auf das, was in der Gegenwart geschieht, vorbereitet zu sein.
Unsere Prognosen stimmen oder stimmen nicht, in jedem Fall entlasten sie die Gegenwartssensorik und erlauben somit unsere begrenzten Gehirnressourcen besser zu nutzen. Dieses wiederum ermöglicht uns, bessere Prognosen zu erstellen und das System insgesamt effizienter zu machen – es entsteht ein Kreislauf der wachsenden und zielgerichteter Effizienz.

Jedes menschliche Gehirn kann mit einem Computersystem verglichen werden, das stets am Limit seiner Leistungsfähigkeit arbeitet.
Für ein extrem effizient arbeitendes und leistungsfähiges Gehirn ist es daher elementar, der Input-Information eine möglichst geordnete Form zu geben.
Das Konzept der Zeit und insbesondere das Konzept der Zukunft ist ein Informationsordnender Faktor. Die zeitlich geordnete, teilweise vorhersehbare Realität, in der bestimmte Ursachen bestimmte Konsequenzen hervorrufen, eine Realität, in der die Existenz bestimmter Zustände möglich oder ausgeschlossen ist (und nicht etwa gleichzeitig möglich und ausgeschlossen), eine Realität der logischen Ordnung ist eben die, welche für den Zweck fabriziert wird, die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns zu erhöhen.

Wer also bei der Erfassung der Gegenwart und bei der Verarbeitung ihrer Reize in der Lage ist, besser mit den verfügbaren Ressourcen zu umgehen, wer die Gegenwart ordnet, ihre Kausalität überblickt, wer die Realität insgesamt in ein starres Koordinatensystem der Raumzeit mit ihrem „Lichtkegel“ des Möglichen zwingt, der entlastet seine sensorische und kognitive Apparatur entscheidend.
Das Prinzip ist einfach: die dynamische, sich amorph gebende Gegenwart mit so wenig Aufwand wie möglich zu überblicken und ihre Reize zu ordnen und zu verarbeiten.

Es ist daher eindeutig, dass die Erfindung der Zukunft einen evolutionären Vorteil zufolge hatte. Die Erfindung der Zukunft als eines Wirkungsfeldes des Menschen hatte zufolge, dass ein evolutionärer Vorteil demjenigen gegenüber entstand, welches lediglich in der Lage gewesen ist, die Welt im Hier und Jetzt zu begreifen und welches auf sämtliche Reize quasi post factum reagierte.
Man war mit einem Mal imstande, eigene Aktionen zu planen und die erwarteten Reaktionen in die Planung zu implementieren. Aus der Zukunftsperspektive erschloss sich plötzlich der Sinn oder der Unsinn bestimmter Handlungen.
Mit der Erfindung der Zukunft erfand sich der Mensch selbst.

In der Allgemeinen Quantentheorie der Realität verwerfen wir die Idee der Zukunft als eines Elementes der Zeitdimension. Wir erkennen, dass die Existenz der Zukunft, trotz ihres außer Frage stehenden und sich für eine Intelligenz ergebenden Sinns, in einem leistungsfähigen Modell der Realität obsolet wird.

Die Tatsache, dass das Konzept der Zukunft innerhalb unseres kosmologischen Modells keine Rolle spielt, besagt jedoch nicht, dass wir die Bedeutung der Zukunft als eines reellen menschlichen Wirkungsfeldes verkennen – in unserem Modell geht es lediglich darum, die Realität kosmologisch neu zu ordnen, damit sie einen tieferen Sinn ergibt als der, mit dem wir uns noch heute zufrieden geben. Wir werden nämlich morgen mit einer Gegenwart konfrontiert, die unseren Gehirnen bedeutend mehr Leistung und mehr Effizienz abverlangen „wird“…(hier verwenden wir beispiellos gekonnt das Zukunftsmodell)
Die Ressourcenbasis, auf die wir zurückgreifen können wird sich gleichzeitig nicht gravierend vergrößern – der einzige Ausweg, um mit den Herausforderungen der „Zukunft“ fertig zu werden, besteht daher darin, die Effektivität des logischen Denkapparates durch Schaffung eines alternativen leistungsfähigeren Modells der Realität gravierend zu erhöhen.

P.S.
Die Zukunft existiert genauso wenig real, wie das Wetter real existiert. Beides sind Modelle, die nicht mit der Realität als solchen, sondern mit der Existenz bestimmter Ordnungsprinzipien in unserer Vorstellung zu tun haben.
Das Wetter ist in Wirklichkeit ein normiertes Modell des gegebenen atmosphärischen Zustands – die Temperatur- oder Druckgrade sind künstlich entstandene Maßstäbe, die dafür gut sind, bestimmte Eigenschaften der Realität differenziell zu erfassen, um ihre Zukunft vorherzusagen.
Jeder Maßstab entsteht, wie die Zukunft, um die Umwelt zu ordnen, um Zustände erfassbar und Prognosen möglich zu machen.
Die Realität an sich ist aus Prinzip nicht messbar (Zenon-Paradoxie).