Gegen archaische Methode des Herrschens. (Für Mikro)

von Maciej Zasada

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In einer der seltenen Schriften, die ich seit Jahren lese, steht, dass die (höchste) Erkenntnis nichts – keine Anstrengung, keine Vorbereitung, keinen Stress erfordert. Sie kommt und stellt sich einfach ein.

Dieser Mechanismus wurde mit folgendem Gleichnis verständlich gemacht.
Wenn sich ein König nicht standesgemäß verliebt und einen außerehelichen Sohn zeugt und wenn seine rechtmäßige Frau es erfährt, dann wird sie sich dafür einsetzen, dass das uneheliche Verhältnis beendet und dass der uneheliche Sohn in Verbannung geschickt wird.
Dies tut sie um ihre eigene Position als Königsgemahlin und die Position ihrer ungeborenen Kinder als Thronfolgen zu schützen.
Wird jedoch in der rechtmäßigen Königsfamilie kein Kind mehr geboren und der König stirbt, ohne einen rechtmäßigen Nachfolger zu hinterlassen, erinnert man sich an den unehelichen Sohn und schickt einen Minister nach ihn.
Der Junge lebt und gedeiht im Wald, seitdem er das Land des Königs verlassen musste. Er weiß nichts über seine Herkunft, jedoch als der Minister samt seiner ritterlichen Begleitung im Wald erscheint und ihn über seine Familiengeschichte aufklärt, ändern sich sein Leben und seine Perspektive schlagartig. Der junge Mann muss nichts lernen um die Erkenntnis zu erlangen, er muss nichts unternehmen, um ein König zu sein – er ist ein König von einer Minute auf die andere…

Ich überlege, wie man wohl früher einen Thronfolger zu erziehen versuchte, welche Vorbilder waren dabei wichtig?
Auf der einen Seite der Ritter-Ethos, die Abweisung des Bösen, die Standhaftigkeit, die Gerechtigkeit, die Ehre und auf der anderen politisches Kalkül, das Bedenken des eigenen Vorteils, Verrat, Grausamkeit.
Man sollte einen Jungen, der ein König werden sollte, nicht als einen gutgläubigen Schöngeist erziehen, sondern als jemand, der in der Lage sein wird, über sein Königreich zu herrschen, es zu verteidigen und die Interessen seiner Bürger zu schützen wissen.
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Die höchste Erkenntnis sollte keinem Herrscher zuteil werden.
Diese bedeutet zwar die höchste Erleuchtung, diese muss allerdings nicht die kalkulierende Klugheit, nicht die Gerissenheit bedeuten, diese könnte durchaus die Idee der Herrschaft aus Prinzip infrage stellen.
Würde der junge Königssohn die höchste Erkenntnis in langen Jahren im Walde erlangt haben, würde er sich bei dem Minister bedanken und mit freundlichen Worten und schönen Grüßen für die Zukunft, die Königswürde ablehnen.
Wäre der Minister nicht dumm, müsste er begreifen, dass man die Suche nach einem geeigneten Thronfolger fortsetzen muss – er würde begreifen, dass sich die bloße Idee des Herrschens und die Idee der höchsten Erkenntnis gegenseitig ausschließen.

Solange die Instanz des Herrschers besetzt ist, regiert die Dummheit.
Der Platz am Kopf des Tisches soll frei sein.
Hab nie verstanden, warum sich Männer um diesen Platz reißen – ich wusste dagegen auch nicht, warum ich mich um diesen Platz nicht reiße :)