Sprachkritik. Satzanalyse. Das An-Argument der Realität II

von Maciej Zasada

Indem wir das Realitätsmodell, das wir in der Schrift „Das An-Argument der Realität I“ beschreiben, ausführlich untersuchen, erhalten wir die Möglichkeit, die Realität eines Computerspiels und die aktuale Realität unserer Welt in Verbindung zu setzen.
Dies ist zwar ein gedankliches Manöver, doch ergeben sich daraus ziemlich interessante Konsequenzen. Lass uns weitergehen…

1. Der Realitätsbezug.
Die Realität enthält sowohl auf der Stufe eines Computerbildschirms, als auch auf der Stufe eines Beobachters mindestens zwei Erscheinungsebenen: die mechanische Ebene der Erscheinung, welche mit dem materiellen Inhalt der Realität zu tun hat, und die metaphysische Ebene der Erscheinung, welche mit dem ideellen Inhalt der Realität in Verbindung steht.
Während des Computerspiels sind wir in der Lage, den Computerbildschirm sowohl als eine Realitätsstiftende, metaphysische Quelle der observablen Eindrücke zu betrachten – in dem Sinn, seine mechanische Gegenständlichkeit auszublenden – wie auch als einen flachen, materiellen Gegenstand aus Kunststoff zu sehen, auf dessen Oberfläche bunte Bilder erscheinen.
Der Realitätsbezug auf der Beobachterstufe lässt sich ähnlich beschreiben. Auch hier entdecken wir zwei Erscheinungsebenen – die primäre Ebene der Erscheinung, bei der die Realität der Dinge, und die sekundäre Ebene der Erscheinung, bei der die Realität der Erscheinung wahrgenommen wird.

Bei der näheren Betrachtung stellen wir fest, dass beide Erscheinungsformen unabhängig voneinander sind und dass sich ihre jeweilige Realitäten gegenseitig aufheben (d.h. sobald sich eine von ihnen als dominant etabliert, verliert die andere ihre Gültigkeit und umgekehrt).
Wir erkennen die primäre Erscheinungsebene der Systeme „Computerbildschirm“ und „Beobachter“ als die Ebene der aktualen Realität.
Wir erkennen die sekundäre Erscheinungsebene der auf dem Bildschirm erscheinenden Spielinhalte und der „Realität der Erscheinung“ auf der Beobachterstufe als die Ebene der Projektion.

2. Die Projektion.
Sowohl die Ebene der aktualen Realität, als auch die Ebene der Projektion können potenziell als primär gelten.
Die Existenz einer vollendeten Projektionsebene als eines logischen Raumes der jeweiligen Realität ist möglich und denkbar.
Die Entstehung einer vollendeten Projektionsebene, welche fähig wäre, die aktuale Realität vollständig zu ersetzen ist nur eine Frage der Zeit, was nicht etwa heißen soll, dass die gegenwärtige Realität mit Sicherheit primär wäre – diese Sicherheit bezogen auf die Realität, die wir für wirklich halten existiert prinzipiell nicht.
Die Magie jeder Projektion besteht nämlich darin, die Wirklichkeit so abzubilden, dass Projektion auf nahtlose Weise Realität ersetzen kann. Dieses wird dann erreicht, wenn der Beobachter die Projektionsfläche (den Computerbildschirm, die Kinoleinwand, die Kleider, die den nackten Körper des befürchteten Chefs bedecken etc.) als Attribute der primären Realität ausblendet.

Es ist potenziell denkbar, dass künstlich erzeugte Realitätsebenen existieren, welche nicht als solche erkannt werden, denn erstens ist die Frage nach der Wirklichkeit der aktualen Realität ab dem Erlangen einer gewissen Projektionsqualität nicht zu entscheiden und zweitens scheint die undifferenzierte Anfälligkeit für Illusionen jeder Couleur, den meisten Menschen angeboren zu sein (eine rudimentäre, 2-dimensionale Abbildung einer nackten Frau reicht vollkommen aus, um einen 3-dimensionalen Mann sexuell anzusprechen, auch dann, wenn die Unzulänglichkeit und Modellhaftigkeit dieser Abbildung deutlich zu erkennen ist).
Unsere Wirklichkeit ist voller mehr oder minder lesbarer Projektionen. Dass sie selber keine Projektion ist, ist eine Hypothese, keine unumstößliche Tatsache.
Seitdem wir selbst in der Lage sind, die Realität technologisch zu beeinflussen, seitdem wir in der Lage sind, eigene Realitäten zu erzeugen, deren formelle Inhalte sich immer weniger von ihren „realen“ Vorbildern unterscheiden, können wir uns auch vorstellen, dass selbst unsere stabile, über jeden Zweifel erhabene Realität eine Projektion ist.

Wir erreichen das technologische Zeitalter, in dem die Realität der fassbaren Dinge kein Merkmal der Realität mehr sein kann.
Den ersten wichtigen Schritt in diese Richtung machen wir, indem wir die Technologie des dreidimensionalen Drucks einführen. Wir sind dadurch in der Lage, virtuelle Gegenstände (also leibhaftige Ideen) in die Welt der fassbaren Dinge zu holen.

Es werden bald Technologien entstehen, die es erlauben werden, den Bereich der virtuellen Realität (des Spiels) auf den Bereich der dreidimensionalen Realität auszuweiten. Es werden virtuelle Gegenstände entstehen, die in ihrem Verhalten sich nicht von den realen Gegenständen (wie etwa den Menschen) unterscheiden lassen werden.
Die Entscheidung, ob wir nun mit den realen Menschen oder mit materiellen Projektionen zu tun haben wird immer schwerer sein.
Es werden schließlich Refugien entstehen, in denen sich unsere Leben besser als in Wirklichkeit abspielen werden…interessanter, ästhetischer, abenteuerlicher, wertvoller…
Die Welt von Morgen wird die Welt vollendeter Projektion sein…
In dieser Welt wird es noch schwerer sein zu entscheiden, welche Realität nun die wirkliche ist und welche bloß eine vollendete Projektion.

3. Der Beobachter.
Der Bezugsmittelpunkt der Realität, sowohl auf der primären Erscheinungsebene, wie auf der Ebene der Projektion, ist der Beobachter.
Wenn ich ein Beobachter bin, besitze ich allen Grund dafür, mich gleichzeitig als einen singulären Empfänger, also als einen Absorbierenden, als auch als einen beteiligten Beobachter, also als einen Reflektierenden zu betrachten. Außerdem steht mir die Perspektive eines Betrachteten zur Verfügung.

4. Der logische Aufbau der Welt.
Sowohl die primäre, als auch die projizierte Realität verfügen über zwei perspektivische Aspekte – über ihre singuläre und über ihre universelle Dimension.
Die singuläre Dimension der Realität bezieht sich auf die Mikroperspektive des einzelnen Beobachters, die universelle Dimension ist auf die Makroperspektive aller Beobachter bezogen – sämtliche Beobachter werden auf dieser Stufe mit identischen Informationssätzen versorgt.
Seitdem wir die Existenz einer übergeordneten PROZESSEBENE für möglich erklärt haben – einer Wirkebene, deren PROZESSVORSCHRIFT die Realität determiniert, müssen wir gleichermaßen annehmen, dass jede Realität, die uns zugänglich ist, zwangsläufig eine Projektion ist.
Wir müssen annehmen, dass die Realität der ersten Ordnung, sich jenseits der WIRKLICHKEIT DES PROZESSES befindet.
Die einzige Verbindung zwischen uns und dieser Außenwelt liegt in der PROZESSVORSCHRIFT.
In diesem logischen Code muss die Information über das Jenseits aller Dinge enthalten sein.

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