Sprachkritik. Satzanalyse. Die Welt innerhalb der Welt.

von Maciej Zasada

5. Satz
Die Realität ist eine Projektion, die sich auf den jeweiligen Detektor, auf seine Eigenschaften, auf seine Position in der Mitte des projizierten Bildes und auf seine aktuale Gegenwart bezieht.

Die Tatsache, dass uns heute eine völlig andere Realität begegnet als gestern ist der Ansporn für neue Gedanken über das Wesen der Realität an sich.
Die Realität, in der wir heute Leben besteht nämlich aus einer Vielzahl neuentstandener Räume, die zu bewohnen wir gelernt haben und in denen wir uns wie selbstverständlich zurechtfinden.
Wir finden unsere Partner im Internet, wir verbringen ganze Tage vor dem Computer und nennen dies „Arbeit“, wir Kaufen und verkaufen, ohne dass wir das Geld, das wir bewegen, je zu Gesicht bekommen – innerhalb einer Generation entstand eine parallele Realität der imaginären Dinge und virtuellen Werte
Dadurch veränderte sich nicht nur unser Leben und unser Verhalten – auch unsere Vorstellung von der Realität veränderte sich gravierend.
Wir entdeckten, dass zwischen der Realität und der Information eine Verbindung existiert. Wir entdeckten, dass die Information die Realitätsquelle ist (womit Google viel zuviel Geld verdient) – wir entdeckten, dass der Unterschied zwischen der Information, welche in der DNA-Helix kodiert und der, welche auf der Festplatte eines Computers gespeichert ist, denkbar gering ist – wir lernten die Information, welche die Realität enthält zu lesen und auszuwerten.
Heute sehen wir die Welt mit anderen Augen als unsere Vorfahren – die technologische Revolution unserer Tage hat das neue (Selbst)verständnis der Menschheit zufolge.

Das, was sich Sokrates vorstellte und was wir als „Höhlen-Gleichnis“ bezeichnen, bekommt heute keine explizit neue Bedeutung, aber das Bild dessen, was Sokrates ausdrückte kann in völlig anderem Licht betrachtet und verstanden werden.
Es reicht schon, wenn wir uns die sokratische Höhlenwand, auf der die schattigen Umrisse der Wirklichkeit erscheinen, als eine Projektion vorstellen. Der Schritt von projiziertem Bild hin zu projiziertem Bild virtueller Realität, in der real gelebt und gestorben wird, ist nur noch ein formaler, kein inhaltlicher mehr.
Der Schritt von einem projizierten Bild der Realität hin zu einer gelebten Realität der wirklichen Dinge ist genauso winzig.
Heute verwundert es niemanden, dass virtuelle Welten mit ihrer singulären Realität existieren können. Heute entwerfen wir selbst solche und spielen die Götter darin.

In dem Moment, in dem wir die Funktionsweise der virtuellen Realität verstanden haben, entstand auch die Frage nach der „Echtheit“ unserer eigenen, denn die Tatsache, dass diese Welt uns „wirklich“ vorkommt, sagt nichts darüber aus, ob sie nun auf der Grundebene aller Virtualität die ursprünglich primäre ist, oder ob sie innerhalb einer ursprünglicheren Welt (oder Welten) als Projektion besteht.
Die Frage nach der Welt-innerhalb-der-Welt ist eine der wichtigsten philosophischen Fragen unserer Zeit.
Ich halte meine eigene Welt nicht mehr für ursprünglich.
Das einzige, was in ihr real zu sein scheint sind die Gesetze des PROZESSES, dem mein Leben und die gesamte Realität untergeordnet sind. Diesen Gesetzen müssen sich auch die Mächte unterordnen, welche außerhalb dieser Welt alles-bestimmend sind.
Die Tatsache, dass die Gesetze des PROZESSES für die Realität dieser Welt determinierend sind, wird uns in Zukunft erlauben, hinter die Kulissen des Großen Spiels zu blicken – die Allmächtigen agieren nämlich hier, wie wir selbst, unbeholfen.
Der einzige Vorteil, den sie in diesem Spiel besitzen ist der, dass sie genau wissen, was sie sind.
Wer bin ich?