Von der „Realität“ der Dinge.

von Maciej Zasada

Nehmen wir an, die gesamte Geschichte des Universums wäre mit einer einzigen Kamera und mit einem einzigen Take aufgenommen worden. Am Anfang dieser Aufnahme wäre der Urknall zu sehen, am Ende könnten Sie sich selbst beim lesen dieses Textes betrachten.
Die Kameraperspektive dieser Aufnahme würde sich mit der Zeit wie folgt verändern: von einer Totalen im Augenblick des Urknalls (Bildinhalt: das gesamte Universum) bis hin zur Perspektive eines individuellen Daseins (Bildinhalt: eine singuläre Beobachter-Gegenwart).
Das Inhaltsspektrum der Aufnahme wäre mit der Zeit immer geringer (dieses Spektrum würde inhaltlich kollabieren).
Würden wir die Aufnahme rückwärts laufen lassen, würden wir einen umgekehrten Perspektivenverlauf feststellen – die Kameraperspektive würde immer umfangreicher werden (Expansion), nämlich von der individuellen Perspektive auf ein Individuum, bis hin zu einer totalen (vollständigen) Perspektive auf den Urknall.
Der Zeitpfeil der Aufnahme stünde fest, unabhängig von der Richtung des Abspielens – dieser stimmte mit dem thermodynamischen Pfeil des Universums überein, der durch die zeitliche Ordnung bestimmt würde, welche die Ursache vor die Wirkung setzt.
Diese kausale Ordnung wäre auch in der umgekehrten Reihenfolge des Abspielens erkennbar.
Das, was von der Richtung des Abspielens unmittelbar betroffen und dessen ursprünglicher Verlauf trotzdem nicht rekonstruierbar wäre, wäre der dynamischer Pfeil der Aufnahme – es wäre möglich, dass der Betrachter, trotz der Eindeutigkeit der thermodynamischen Kausalität, die Expansion, bzw. die Kontraktion der Perspektive für ursprünglicher hielte, als die thermodynamische Kausalität der Zustände.
Hätten wir tatsächlich mit einem Videofilm „Die Geschichte des Universum“ zu tun, hätten wir leicht erkennen können, ob wir mit einer zeitkonform oder zeitverkehrt ablaufenden Aufnahme zu tun haben – die Supernova- oder Vulkan-Eruptionen beispielsweise müssten explosiv verlaufen – würden wir sie als implosive Prozesse erkennen, würde sich die Laufrichtung der Filmwiedergabe als akausal entpuppen.
In der realen Wirklichkeit haben wir nicht mit einer Videoaufnahme zu tun, sondern mit einer Wirklichkeit, deren Zeitordnung dadurch bestimmt wird, dass die Signale beobachteter Objekte höchstens mit endlicher Lichtgeschwindigkeit transportiert werden.
Dadurch entsteht die zeitverkehrte Perspektive der Beobachtung.
Die beobachtete Expansion des Universums wird als eindeutig expansiv gedeutet, trotz der Tatsache, dass sie eine akausale Richtung besitzt – das Universum expandiert in Richtung seiner eigenen Vergangenheit, also gegen die kausale Richtung des thermodynamischen Pfeils.

Design 96

Die Kausalität des beobachteten Universums wird nicht (wie im Film) unmittelbar verletzt – eine Gaseruption auf einem entfernten Planeten nehmen wir als eine Eruption und nicht als eine Implosion wahr, obwohl sie sich aus unserer Perspektive vor langer Zeit ereignet hat.
Die verkehrte Kausalität ist bei einer Beobachtung der reellen Wirklichkeit nicht observabel.
Die Tatsache aber, dass das Bild der weiter entfernten Objekte älter ist, als das der weniger entfernten, bleibt unbestritten wahr (denn das Licht, das vom Objekt a ausgesandt wurde, mehr Zeit benötigte um den Beobachter zu erreichen, als das Licht des Objektes b – siehe Illustration).
Deshalb, wenn wir den räumlichen Radius der astronomischen Beobachtung sukzessive erweitern, sehen wir (zwar kausal positiv, aber) immer ältere Zustände des Universums.

Ein Film hält die Zustände der Realität innerhalb einer bestimmten Zeit fest, eine in Echtzeit beobachtete Wirklichkeit besitzt keine wie auch immer geartete Substanz.
Darin unterscheidet sie sich von ihrer aufgenommenen Kopie – die Aufnahme besitzt die Faktizität einer Sache, wohingegen die Wirklichkeit als solche ausschließlich in der Gegenwart des Beobachters als eine Projektion stattfindet.
Die Welt der Dinge existiert an sich in der Vergangenheit, diese wird jedoch in der Gegenwart betrachtet – die Welt muss daher streng beobachterbezogen sein.

Der kausale Pfeil einer Videoaufnahme ist auf demselben Datenträger gespeichert, auf dem sie selbst gespeichert ist. Die Abspielmechanik dieser Aufnahme erlaubt den Zeitpfeil des aufgenommenen Materials verkehrt kausal wiederzugeben, denn es existiert ein Lesekopf, an dem das aufgenommene Material vorwärts oder rückwärts vorbeilaufen kann.
Der Beobachter der Wirklichkeit besitzt dagegen keinen Lesekopf, an dem die apriorisch vorhandene Wirklichkeit, wie ein Band, vorbeilaufen könnte – die Gegenwart besitzt keinen analogen oder seriellen Charakter – die reale Existenz des Wirklichen ergibt sich nur in der Gegenwart der Betrachtung und singulär für einen einzigen Beobachter.
Die Möglichkeit der Betrachtung der Vergangenheit ist aus der Perspektive der Gegenwart primär ausgeschlossen, sie ergibt sich sekundär als Folge der Trägheit des Datenträgers der Information – sie ergibt sich aus der Tatsache, dass sich die elektromagnetischen Signale beobachteter Objekte im gesamten Universum mit einer konstanten und einer endlichen Geschwindigkeit ausbreiten.
Dadurch gehören sämtliche Objekte der Beobachtung, die nicht der singulären Gegenwart des Beobachters angehören aus seiner Perspektive der Vergangenheit an.
Dadurch auch ergibt sich die Tatsache, dass nichts, was sich nicht im Auge der Gegenwart der Beobachtung befindet, der Gegenwart des Beobachters angehören kann. Und nichts außer dem Geist des Betrachters / der Oberfläche des Videochips – nicht einmal seine Augen, nicht einmal das Objektiv einer Kamera, nicht einmal die Empfangsapparatur eines Messvorgangs kann der Gegenwart der Beobachtung / der Messung angehören!

Die Persistenz der materiellen Welt, ihre fassbare „Realität“ (und die Tatsache, dass sie Schatten produziert 😉), ergibt sich aus der Tatsache, dass ihre Dinge allesamt der irreversiblen und starren Entität angehören – sie sind Bestandteile der Vergangenheit.
Aus diesem Grund ist für sie nur eine kausale Richtung möglich (diese ist den Dingen selbst gegeben, wie auch ihre „Realität“) – die kausale Richtung von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Darin unterscheidet sich die Echtzeit-Realität von der Realität einer Videoaufnahme – ihre jeweiligen Kausalitäten sind zwar Bestandteile ihres jeweiligen Formats, mit dem Unterschied, dass die Kausalität der Filmaufnahme auf dem Datenträger gespeichert ist, wohingegen die Kausalität der realen Wirklichkeit ist ein fester Bestandteil der Dinge selbst.
In diesem Sinne ist die Filmaufnahme ein Teil der allgemeinen Kausalität der Dinge der Wirklichkeit – sie ist nämlich selbst ein Teil der Vergangenheit.
Ein Film besitzt einen Anfang und ein Ende – sowohl das eine als auch das andere befinden sich aus Sicht des Zuschauers in der Vergangenheit.
Sollte die Aufnahme kein Ende besitzen (sollte der Aufnahmeprozess noch nicht abgeschlossen sein), befindet sich die Kamera samt Objektiv und Kamerachip auch außerhalb der Beobachterinstanz – somit in der Vergangenheit. Sollte das nicht der Fall sein, müsste der Kamerachip identisch mit der Beobachterinstanz sein.

Der Dualismus der Wirklichkeit, welcher von uns als Dichotomie der Mikro- und Makroperspektive erkannt wurde, hat seinen Ursprung in der Tatsache, dass der Beobachter und das Beobachtete verschiedenen Formaten der Wirklichkeit angehören: dem empfangenden Geist der Gegenwart und der starren, koordinatenbezogenen Vergangenheit der Raumzeit.
Die Mikroperspektive ist die Wirklichkeitsperspektive aus der Gegenwart.
Die Makroperspektive ist die Wirklichkeitsperspektive in die Vergangenheit.

Der Materie – Geist – Dualismus bekommt hier einen völlig neuen Stellenwert. Wir erkennen, warum Materie fassbar und „real“ ist und warum dasselbe für den Geist nicht gilt, warum sich die Materie und Geist nicht gegenseitig ausschließen sondern ergänzen und warum diese Tatsachen für jede Kosmologie und besonders für Quantenkosmologie von höchster Bedeutung sein müssen.

(Der Geist, von dem hier die Rede ist, hat keinesfalls einen esoterischen, religiösen oder psychologischen Kontext – der immaterielle Geist ist ein physikalischer Zustand, in dem sich die beobachtende Instanz aus Prinzip befinden muss. Nur so kann dieses Spiel funktionieren: die materielle Realität  entsteht aus der ursprünglichen Nichtrealität. Die Realwerdung der Welt ist ein Prozess. Dieser schreitet von Innen nach Außen fort. Die Prozessrichtung entspricht der Richtung der Beobachtung. Am Anfang des Prozesses steht der immaterieller Geist, an seinem Ende die Materie. Der Prozess ist Schöpfung, welche nach einem allgemeinen Plan vor sich geht – nach der Instruktion des Prozesses)