Von der Widersprüchlichkeit der klassischen Logik / Vom Teufel (2)

von Maciej Zasada

English: Giovanni Battista Tiepolo - Anaxagoras.

Giovanni Battista Tiepolo – Anaxagoras. (Photo credit: Wikipedia)

Die Frage, mit der ich zur Zeit hadere ist folgende: ist das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten tatsächlich ein logisches?
Existiert ein Grund dafür, dieses Prinzip als ein logisches zu betrachten?
Tertium non datur bestimmt nämlich die Subjektivität einer Logik, deren führendes Prinzip es ist, objektiv zu sein.
Die klassische Logik muss frei von jeglicher Vorstellung, von jeglicher partikulären Überzeugung, von jeglicher Subjektivität, ja frei vom Bewusstsein sein – vom Grundsatz her beschreibt sie eine Wirklichkeit auf objektive und eindeutige Weise.
Tertium non datur widerspricht dieser Objektivität – dieses Prinzip ermöglicht die Installation eines subjektiven Entwurfs auf der Objektivitätsebene eines klassisch-logischen Systems.

Aus dem Grund, dass die klassische Logik eine Logik der eindeutigen und regelmäßigen Verhältnisse ist (wofür nicht zuletzt das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten verantwortlich ist), beschreibt sie die Wirklichkeit eindeutig.
Die Wirklichkeit, welche das Objekt logischer Beschreibung ist, muss ihrerseits eindeutig sein, um mithilfe klassischer Logik korrekt erfasst zu werden.
Dies ist in der Tat die grundsätzliche Bedingung, welche die archaische Logik an die Wirklichkeit stellt.
Die phänomenologische Eindeutigkeit wird jedem Kontext der Wirklichkeit vorausgesetzt – diese Voraussetzung ist elementar für jede archaische Ordnung…und sie wird immer erfüllt, auch für den Preis, dass die Wirklichkeit an eine individuelle Vorstellung angeglichen wird. Das archaische des klassischen Modells erkennen wir am akuten Mangel an Elastizität – die lebendige Wirklichkeit steckt voller Reize, voller Überraschungen, voller Wahrheiten und voller Perspektiven, welche ständig neu entstehen – das Prinzip tertium non datur widerspricht der Existenz dieser heterogenen Wirklichkeit, mit der Konsequenz, dass die Existenz unzähliger und unabhängiger, logisch unwiderlegbarer, parallel objektiver Wirklichkeitspermutationen zugelassen wird.

Die logische Eindeutigkeit dieser Wirklichkeitsentwürfe berechtigt dazu, sie jeweils als universell gültig zu erklären und in ihrer letzten Konsequenz dazu, fremde Entwürfe (nicht nur dialektisch) zu bekämpfen.
Dies ist die eigentliche Ebene dieses Spiels, darum geht es in Syrien und in Palästina, darum ging es 1917 in Russland und 1933 in Deutschland…darum geht es überall, wo Konflikte entstehen – von den kleinsten, bis zu den größten.


Der Beweis der Widersprüchlichkeit des klassischen Prinzips des ausgeschlossenen Dritten.

These:
Die Bemühung, die logische Ordnung wiederherzustellen indem der Widerspruch ausgeschlossen (vernichtet) wird, ist im Licht der Universumsperspektive vollkommen sinnlos, denn, auch dann, wenn ein Unterschied zwischen “unserer Wahrheit” und dem fremden “Irrglauben” erkannt wird, ist sicher, dass es keine Grenze zwischen dem Diesseits der logischen Ordnung und dem Jenseits der logischen Unordnung in einem unendlichen Universum (oder einem endlichen, das aber vollständig ist) geben kann.

Beweis:
Das Diesseits der logischen Ordnung A wie das Jenseits der logischen Unordnung B sind Teilmengen des Universums U.
Sowohl A, als auch B sollten per Definition disjunkt sein, d.h. keine gemeinsamen Elemente haben – die Menge der christlichen Katholiken kann ja zweiwertig logisch betrachtet keine gemeinsamen Elemente mit der Menge der islamischen Schiiten besitzen.
Beide sich gegenseitig ausschließenden Mengen A und B sind jedoch als Teilmengen in der Menge U enthalten. Zwischen A und B besteht daher auf der Ebene von U eine bijektive Beziehung, denn wenn A = U und B = U, dann sind A und B einander äquivalent (A=B).
Mit anderen Worten – für kein Element der Menge A besteht ein logischer Sinn, ein Element der Menge B aus der Obermenge U auszuschließen (q.e.d.), denn zwischen den Mengen A und B kein Unterschied besteht.

Damit widerspricht sich nicht nur etwa die Logik des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), damit widerspricht sich die gesamte Logik des ausgeschlossenen Dritten.
Dies ist allerdings nicht nur der Beweis der logischen Widersprüchlichkeit eines essenziellen Prinzips der klassischen Logik – damit widerspricht sich die archaische Überzeugung von der universellen Gültigkeit partikulärer Wahrheit der Islamisten, Katholiken, Protestanten, Juden, Armenier, Türken, Russen, Polen, Deutschen, mit einem Wort: damit widerspricht sich die archaische Überzeugung aller, welche meinen, ihre individuelle Wahrheit würde erst der Menschheit den ersehnten Frieden, Wohlstand, Glück und ewiges Leben bescheren…
Solcherart Überzeugungen haben in keinem Kontext einen logischen Grund – sie sind universell sinnlos und individuell gefährlich.

Konsequenz: 
Auch dann, wenn es möglich erscheint, bestimmte Ideologien, Menschen oder Gruppen im Namen der systemischen Ordnungserhaltung oder Ordnungswiederherstellung zu disqualifizieren oder zu vernichten, sind die Handlungen, welche diesem Ziel dienen (z.B. Terrorismus) aus dem oben genannten Grund sinnleer und verstoßen gegen elementare Grundsätze der Logik.
Wir sind alle Türken, wir sind alle Nazis, wenn wir „die Anderen“ vernichten, vernichten wir uns selbst.

Konsequenz für die Logik:
Wir erkennen, dass eine universelle Entscheidungs- und Ausschlusslogik keine genügende Mächtigkeit besitzt, um die Wirklichkeit aus der universellen Perspektive (welche für diese Logik notwendig bindend ist) abzubilden.

Konsequenz für die Kosmologie:
Wir erkennen, dass die Kosmologie des Universum keine genügende Mächtigkeit besitzt, um die Wirklichkeit aus der Perspektive des Universums (welche für diese Kosmologie notwendig bindend ist) abzubilden.

Konsequenz für die Physik:
Wenn wir davon ausgehen, dass Logik, mit der die Quantenphysik und die Relativitätstheorie interpretiert werden, unvollständig ist, also falsch, dann müssen die Schlüsse, welche anhand der Gesetze dieser Logik gezogen werden, falsch sein.

Und in der Tat – wenn man die Quantenphysik und die Relativitätstheorie perspektivenlogisch interpretiert werden sie Eins – die Widersprüche, welche sie getrennt inkompatibel machen, lösen sich im Nichts auf.

Konsequenz für die Weltanschauung:
Alles hat im Grunde mit Logik zu tun.
Sogar wenn wir um unsere Götter streiten, argumentieren wir logisch – jeder kann behaupten, sein Gott sei der wahre – nicht weil er grün, wässrig, kurios ist, sondern, weil er mächtig, symmetrisch, logisch ist.
Die Götter entstehen und fallen anhand logischer Macht, die sie entfachen (anhand der Schlüssigkeit ihrer Argumente).
Sowohl die Geschichte vom Evas Apfel als auch die Geschichte von Jesus Christus handeln von einem logischen Paradigmenwechsel.
Die Religionen sind logische Systeme, die mit der sogenannten klassischen Logik verwandt sind. Der Ausschluss und die Entscheidung über den Ausschluss sind ihre Grundpfeiler.
So oder ähnlich sprach Christus selbst über die Welt, welche nach ihm kommen soll:

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen. […] Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, ich sage euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter […]“ Lukas 12,49-53 EU, Matthäus 10,34-35 EU, Johannes 15,6 EU

Ist das kein logisches Manifest?
Ist das kein Programm dialektischer Logik?
Und ist das kein Eingeständnis einerseits ihrer Unzulänglichkeit, andererseits ihrer Notwendigkeit und eigenen Ohnmacht?
Wie lange sollen wir uns noch an diesem archaischen Entwurf richten?

Wäre es nicht sinnvoller, sich endlich an der (logischen) Vollkommenheit Gottes zu orientieren?
– DER LOGISCHE BEZUG GOTTES IST DAS UNIVERSUM – (kein Judentum, kein Christentum, kein Islam, kein sonstiger Partikularismus)

Es ist so einfach.

Vom Teufel (1)