Das Argument p – über die „Grenze des Ausdrucks der Gedanken“.

von Maciej Zasada

In meinem Buch beschrieb ich mehrere „klassische“ Rückkopplungsantinomien.
Indem ich sie perspektivisch vollständig analysieren wollte, musste ich über die Grenze klassischer Logik hinausgehen.
Jedes Mal als ich das tat, empfand ich Unbehagen.
Der Ort, an dem ich mich befand war irgendwie dunkel und kalt.
Deshalb wagte ich mich nur sporadisch, nur wenn ich „unbedingt musste“ dorthin. Und ich musste immer öfter dorthin.
Mit der Zeit habe ich mich an diese fremde Gegend gewöhnt und es wurde sogar mein zweites Zuhause. Es gehört nämlich zur Perspektivenlogik, sich dort ein Plätzchen zu suchen.
Der Ort von dem ich rede liegt außerhalb des Radius klassischer Alltagslogik.

Viele Glauben nicht an die Möglichkeit, die Grenze dieser Logik vom Diesseits aus zu erreichen und zu überschreiten (und sinnvoll über das Jenseits zu berichten). Unter ihnen sind auch diejenigen, denen man ruhig vertrauen kann, wie Ludwig Wittgenstein.
Wittgenstein schreibt in der Vorrede des „Tractatus“ so darüber:
„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.
Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr—nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müssten also denken können, was sich nicht denken lässt). Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.“
…Kein Unsinn, was Wittgenstein da schreibt!
Doch warum irrt er?
Warum ist seine Behauptung nicht wahr?
Nur weil ich es sage? (die Tatsache, dass „A“ über sich selbst zu wissen ist hilfreich, wenn es darum geht, eine universelle „¬A“-Aussage zu widerlegen)
Wittgenstein schrieb aus der Perspektive klassischer Logik.
Aber war er nicht frei genug, um dieser Einseitigkeit zu entkommen?
Mit Sicherheit, doch auch wenn eine Religion logisch ist, ist Logik noch lange keine Religion – man kann nicht an eine Logik glauben oder in eine Logik konvertieren.
Man ist mit Logik auf der existenziellen Ebene verbunden und wenn man nichts anderes als eine bestimmte Logik kennt, wenn alle Beweise, Theoreme, Geometrien, Axiome und Sprachen auf dieser Logik basieren, dann besteht kein Grund, sie infrage zu stellen (übrigens: auch Albert Einstein sah keinen Grund, die klassische Logik infrage zu stellen, obwohl die Relativitätstheorie streng genommen dieser Logik widerspricht und geradewegs in die Perspektivenlogik führt. Er platzierte seine Theorie in der klassischen Umgebung, er rettete sie vor dem Paradigmenwechsel und vor den neuen logischen Problemen, indem er sie vor einem starren – anfangs sogar völlig statischen – Hintergrund der Raumzeit positionierte.)
Wittgenstein lebte zwar, wie Einstein, in der finalen Entwicklungsphase klassischer Sprachlogik und als sensibler Mensch, konnte er sehr wohl die Nähe ihres Limits durch die Haut spüren (vielleicht deshalb verwarf er im Läufe seines Lebens den „Tractatus“ – Dogmatismus), doch es existierte zu seiner Zeit noch keine Aussicht auf brauchbare Alternative.
Würde Wittgenstein mit folgendem Argument konfrontiert, würde er seine Sätze anders formulieren – entschieden anders.

Argument p
Das Denken kann in verschiedenen sprachlogischen Systemen vollzogen werden, auch in solchen, die sich beträchtlich von unserem unterscheiden oder gar solchen, die uns unvorstellbar erscheinen.

Bild 1.
Aus der universellen Sicht ist es nämlich denkbar, dass Welten existieren, welche eine Milliarde Jahre vor unserer eigenen entstanden sind.
Das würde bedeuten, dass es denkbar ist, dass die natürliche Evolution dort, eine Milliarde Jahre früher ansetzte und eine Milliarde Jahre mehr Zeit hätte, um bewusste Lebensformen hervorzubringen, als ihr für die gleiche Handlung hier zur Verfügung stand.
Diese Lebensformen hätten eine Milliarde Jahre mehr Zeit, um das Bewusstsein, inklusive Sprache und Logik zu entwickeln.

Bild 2.
Die Gattung Homo Sapiens existiert auf Erden seit etwa 200.000 Jahren. Das Bewusstsein dürfte bei unseren entfernten Vorfahren bereits vorhanden gewesen sein…
Doch auch dann, wenn wir mutig annehmen, dass hiesige Lebewesen seit einer Million Jahren über Bewusstsein verfügen ist diese Zeitspanne, verglichen mit einer Milliarde Jahren Entwicklungsvorsprung, ein Klacks.

Bild 3.
Die klassische Logik entstand vor 3000, vor 5000 oder vor 10.000 Jahren, egal – wir sind seitdem sehr weit gekommen – wie weit befände sich zwangsläufig eine Kultur, der Hunderttausend Jahre, der eine Million Jahre oder mehr zur Verfügung stünde, um ihre Kommunikationsformen und Logiken an das Denken anzupassen?

Die Grenzgänge Wittgensteins, obwohl sie von unserem Diesseits aus beträchtlich und endgültig erscheinen, würden wohl aus der kosmischen Perspektive nicht den kleinsten Eindruck machen.
Die logische Grenze des „Ausdrucks der Gedanken“ – der Sprache – existieren nicht, auch wenn sie uns so stabil und so deutlich vor Augen erscheint, dass das Jenseits dieser Grenze gar undenkbar ist.
Die Möglichkeit des logischen Jenseits erscheint nur denjenigen unsinnig, welche sich in einem bestimmten Diesseits einer bestimmten, restriktiven Logik befinden.
Das Anzweifeln dieses Jenseits aus der Position des hiesigen Diesseits ist aus der universellen Perspektive völlig verständlich, dennoch strenggenommen unsinnig.
„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“...zumindest solange, bis eine geeignete Sprache (LOGIK) entsteht, welche ausreichend mächtig ist, um das Unaussprechliche zu beschreiben.
…zumindest solange, bis eine übergeordnete Argumentationsebene (Perspektive) erreicht wird.
Dass Perspektivenlogik die Voraussetzungen erfüllt, welche an eine ausreichend mächtige Logik gestellt werden, kann sich jeder überzeugen, indem er das Calculus studiert.
In dieser ersten perspektivenlogischen Abhandlung werden Antworten auf Fragen gegeben, welche mit den Mitteln der herkömmlichen Logik prinzipiell nicht zu beantworten sind.
Ich betone: es ist die erste perspektivenlogische Abhandlung – was kommt ist nicht abzusehen…und ich bin noch jung und ich stecke viele erheblich jüngere Menschen mit meinen Ideen an (ja, ich habe schon längst einen Schierlingsbecher verdient).

Wir erkennen diese Form des Arguments als eigenständige Form.
Wir bezeichnen diese fortan als Argument p.

Argument p ist ein Instrument der Perspektivenlogik.
Argument p besitzt einen scharf umrissenen Zweck – es soll die Debatte von der akzidentellen Ebene der konkreten Argumente, welche für die eine oder andere Wahrheit stehen, auf die substanzielle Ebene der universellen Perspektive führen.
Ein gekonnt eingesetztes Argument p unterbricht den dialektischen Sog der These und Antithese, in dem die Opponenten nach dem besten Argument suchen und versuchen ihre dialektische Position unangreifbar für die Argumente der Gegenseite zu machen.
Wer sich schon einmal in einer dialektischen Situation befand, welche zu keinem eindeutigen Endergebnis führte, der weiß wie schwierig es ist, eine solche Situation unter Kontrolle zu bringen.
Ein nicht-zu-Ende-gehen-wollender Streit in der Beziehung, bei dem die Kontrahenten immer neue dialektische Verbindungen und Ebenen erschaffen, indem sie auf die Aussagen der Gegenseite reagieren und sie in eigene Argumentation einbauen, führt in den meisten Fällen nicht dazu, dass konstruktive Konklusionen erreicht werden, sondern dient der Stabilisierung des Streitzustandes und der Erhöhung der Streitwahrscheinlichkeit.
Indem neue Kontexte entstehen, indem die Vergangenheit genauso wichtig für die Bildung eines bindenden Realitätsrahmen ist, wie die Gegenwart und Zukunft (wobei klar ist, dass die erste keinem korrigierenden Zugriff eines Arguments ausgesetzt werden kann – die Vergangenheit ist unveränderlich, somit tautologisch, somit dialektisch tot), indem die gesamte Realität als ein Vorwurf ausgelegt und als Gegenargument eingesetzt werden kann, tun sich die dialektischen Abgründe auf, aus denen kaum ein Ausweg führt.
Auch politische oder religiöse Debatten sind übrigens in gleichem Sinne toxisch, wie es unsere Beziehungen sein können.

Bei der Verwendung der Argumente p ist es irrelevant, ob ihre empirische Basis erreichbar ist – Argument p besitzt vielmehr keinen konkreten empirischen Inhalt. Deshalb ist es kein Argument im dialektischen Sinn.
Die Qualität der Argumente p muss nicht an der Realität ihrer Prämissen gemessen werden. Wichtig ist, dass neue perspektivische Sicht auf der elementaren Ebene der Auseinandersetzung entsteht, wodurch die Basis des dialektischen Streits nachhaltig gestört wird.
Streng genommen geht es ums Aufwachen.
Denn Schlafende sind nicht frei.
Sie sind dem dialektischen Mechanismus unterworfen – dem ständigen Abrutschen in die Tiefe: je mehr sie sich bemühen, desto schneller rutschen sie ab, je schneller sie abrutschen, desto mehr bemühen sie sich hoch zu kommen.
Bei toxischen Partnerschaften geschieht es abwechselnd: die Phasen des Kletterns des Partners A werden unterbrochen durch Phasen des reglosen Abrutschens, das allein durch das Klettern des Partners B verursacht wird…bis Partner A selbst die Initiative ergreift und klettert, weil die Geschwindigkeit des Abrutschens ihn beunruhigt…wobei Partner B in Ruhe verharrt, bis auch er von der Geschwindigkeit des Abrutschens beunruhigt, erneut zu klettern beginnt…während A abwartend in Ruhe verharrt.
Kein Argument kann A und B von diesem selbstzerstörerischen Mechanismus befreien. Solange sie klettern, sich bemühen, ihre Beziehung verzweifelt im Dialektischen retten wollen, solange sind sie nicht frei.
Erst als sie aufwachen und den Unsinn der ewigen Suche nach dem besten Argument, nach der dialektischen Berechtigung erkennen, werden sie frei und imstande, die Scherben ihrer Beziehung zusammenzukehren.
Argument p katapultiert die streitenden Dialektiker in die Weiten des Kosmos, damit sie sich der Winzigkeit ihrer gesamten Problematik bewusst werden können.

☜ Perspektivisches Argument Perspektive Gottes ☞