Das Problem der Objektivität.

von Maciej Zasada

Die Statistik, welche das Auftreten quantenmechanischer Zustände beschreibt, scheint die Wahrscheinlichkeit dieser Zustände aus objektiver Sicht (hier: aus Sicht eines Beobachters) auszudrücken. Diesem Schein liegt ein Missverständnis zugrunde. Der Ausdruck “Objektive Sicht” enthält nämlich an sich einen hermeneutischen Widerspruch – eine Sicht kann ausschließlich subjektiv sein. Dies liegt schon in der Natur des Sehens. Man geht zwar von der Objektivität der Realität aus, diese wird jedoch jederzeit auf der Ebene eigener Individualität, somit rein subjektiv erfahren – und zwar selbst dann, wenn man felsenfest überzeugt ist, eine objektive Sicht zu besitzen. Wenn man einem Gesprächspartner gegenüber sitzt, schaut man laute Objekte an, welche nur aus eigener Perspektive zu sehen sind: sein Gesicht, seine Gestalt und das Bücherregal dahinter. Umgekehrt sieht der Gesprächspartner Dinge, welche einem selbst nicht als Objekte der Betrachtung zugänglich sind. Für den einen von ihnen steckt der Löffel, der in der Zuckerdose steckt, welche zwischen ihnen auf dem Tisch steht, auf der rechten, für den Anderen auf der linken Seite. Dialektische Positionen vergleiche ich mit den Perspektiven jener, welche eine solche Zuckerdose aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten – für sie existieren grundsätzlich keine anderen Perspektiven, als die, welche sie als „ihre eigene“ betrachten. Aus ihrer individuellen Sicht entsprechen alle übrigen perspektivischen Möglichkeiten tatsächlich nicht der Wahrheit. Dies ist das Problem der objektiven Wahrheit – auch dann, wenn wir mit solch primitiven Entscheidungenzu tun haben, wie die Position des Löffels im Raum. Auch dann, wenn wir die Möglichkeit perspektivischer Unterschiede zulassen, kann die Wahrheit eigener Sicht, durch keine andere infrage gestellt werden. Wir sind wie die Papierzettel, für welche alles, was auf ihnen geschrieben steht, unabhängig davon, ob es sich um eine objektive Wahrheit handelt oder nicht, unumstößliche, heilige Wahrheiten sind (denn alles, was sie je wissen können, genau die Information ist, welche sie tragen). Wenn wir die Unumstößlichkeit individueller Perspektive mit der Unumstößlichkeit der Wahrheit verwechseln – dann nämlich, wenn wir die Unumstößlichkeit der ersten aus der Unumstößlichkeit der zweiten ableiten – machen wir den selben Fehler, als wenn wir das Papier für Garantie der Glaubwürdigkeit der Sätze halten, welche auf ihm geschrieben sind (dann nämlich sehen wir die Objektivität der Wahrheit aus der Papierperspektive). Der Fehler liegt darin, dass wir die Unumstößlichkeit der Wahrheit der Sätze in Bezug auf das Papier, mit der objektiven Wahrheit der Sätze an sich verwechseln. Die dialektischen Unterschiede, welche wir beispielsweise in der politischen Debatte ausmachen, kann man auf ein ebensolches Missverständnis reduzieren: die Kontrahenten sind von der Wahrheit ihrer eigenen Perspektive überzeugt (welche aus ihrer individuellen Sicht tatsächlich unumstößlich erscheint, wie auch das, dass der Löffel aus der eigenen Sicht genau so und nicht anders aus der Zuckerdose ragt) und sind meistens nicht in der Lage, die „falsche“ Wahrheit derjenigen gelten zu lassen, welche ihnen gegenüber sitzen. Die Teilnehmer dieser erbitterten Auseinandersetzungen machen auf mich den Eindruck, sie wären Papierzettel, welche mit den anderen Zetteln und mit der ganzen Welt über Wahrheiten streiten, mit denen ihre Seiten bedruckt sind. Dies ist der Grund unserer dialektischen Misere: LyzkaD A@c: Löffel rechts = P; B@c: Löffel links = P; A@B = B (F); B@A = A (F)

Die eindeutige ([eindeutig] im Sinne [zweiwertig eindeutig]) Wahrheitsentscheidung oder Wahrheitszuweisung ist für perspektivische Wirklichkeitssysteme grundsätzlich nicht möglich. Als Konsequenz der Kosmologie der Mitte ist eine Logik entstanden, welche die Wirklichkeit in Perspektiven unterteilt und diese Perspektiven als grundlegende Bausteine jedes Beschreibungssystems der Wirklichkeit ansieht. Mit der LP entsteht somit ein neuer Begriff der Objektivität. Im Calculus wird versucht, das grundsätzliche Problem der Objektivität aus perspektivenlogischer Sicht zu beleuchten. Anders formuliert – es wird versucht, das Problem praktisch und endgültig zu lösen, indem die formelle Unverträglichkeit der Relativitäts- und der Quantentheorie beseitigt wird, indem nämlich gezeigt wird, dass diese Grundtheorien der Naturwissenschaft, die Wirklichkeit aus zwei verschiedenen und grundsätzlich unvereinbaren Perspektiven beschreiben, nämlich aus der Perspektive des Teilnehmers der Gegenwart und aus der Perspektive des Beobachters der Vergangenheit. Diese zwei Perspektiven lassen sich allein dann logisch in Verbindung bringen, wenn wir der Wirklichkeit die Kosmologie der Mitte als ihre logische Grundlage voraussetzen.

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