Das logische Antlitz der Welt (2)

von Maciej Zasada

Self-portrait of Stanley Kubrick with a Leica ...

Stanley Kubrick als junger Fotograf. (Photo credit: Wikipedia)

Im Gegensatz zu dem (im Teil 1) gerade Gesagten, steht das Argument, das P.F. Strawson in seinem 1957 erschienenen Buch „Individuals“ aufstellte.

Strawsons Argument richtet sich direkt gegen die solipsistische Wirklichkeitsauffassung und besagt, dass die Wirklichkeit ein raumzeitliches System sei, dessen Universalität allgemein für alle Beobachter und alle Objekte gültig sei. Es existiere ein unabhängiges Koordinatensystem der Raumzeit, in das die Einzelbilder der Wirklichkeit eingeordnet sind. Die Erzählung und der Bericht seien laut Strawson die Mitteln, durch welche die Kommunikativität innerhalb einer universalen Wirklichkeit und mittels einer universalen Sprache verlässlich funktioniere. Gäbe es keine universalgültige Wirklichkeit wäre jede Auskunft, jeder Bericht, jede Erzählung und jede Zeugenaussage inadäquat.

Strawson: „Wir können uns gegenseitig überzeugen, über welche einzelne Dinge wir sprechen, weil es möglich ist, die jeweiligen Berichte und Aussagen in ein einziges Bild von der Welt zusammenzufügen. Das Grundgerüst dieses Bildes ist ein einheitlicher Rahmen der Raumzeit mit einer zeitlichen und drei räumlichen Dimensionen“.

5.3.3.1. Erstes Argument – der Kategoriefehler. 

Wir gehen von der Existenz universeller Wirklichkeit aus. Eine Beobachtung, welche durch dritte bestätigt wird, scheint die Objektivität universeller Wirklichkeit zweifelsfrei zu machen.
Wir glauben nicht, dass Angeklagter M zur Zeit eines Banküberfalls in Aachen, mit seiner Familie in Australien weilte, wenn er zur fraglichen Zeit von mehreren Zeugen in Aachen gesichtet wurde. Wir glauben nicht daran, dass es sowohl eine spezielle Wirklichkeit der Zeugen, in welcher M die Rolle eines Statisten spielt, wie eine parallele Wirklichkeit M’s gibt, in welcher er ein wirkender Beobachter Australiens ist – eine solche Annahme würde gegen die Grundsätze des gesunden Menschenverstandes und gegen die logische Ordnung unabhängiger Rechtsprechung verstoßen.
Deshalb lassen wir uns von dem Wirklichkeitsargument Strawsons leicht überzeugen…wir haben aber bei unserem Fall nicht mit der Widerlegung einer solipsistischen Wirklichkeitsauffassung, sondern mit der Bewertung einer belastenden Aussage oder mit der Entkräftung einer falschen Beschuldigung zu tun – oder noch eideutiger – wir haben hier zu tun mit der Beurteilung der Faktizität einzelner Berichte.
Wir erörtern in unserem Beispiel folgende Frage: befand sich M während fraglicher Zeit in Aachen, womit die Aussage der Zeugen bestätigt wäre, oder in Australien, womit seine Unschuld bewiesen wäre.
Im Wirklichkeitsargument Strawsons wie auch im Fall M wird daher nicht das Problem der Existenz einer solipsistischen Wirklichkeit infrage gestellt, sondern das Problem der Objektivität der Wahrheit behandelt.

Unser Ziel ist hier keinesfalls der Vorstellung einer universellen Wirklichkeit, das solipsistische Wirklichkeitsmodell entgegen zu stellen (d.h. auf klassisch-dialektische Art das Gegenteil zu behaupten), das Ziel ist es hier zu zeigen, dass das solipsistische Bild der Wirklichkeit mittels Strawsons Argument nicht zu widerlegen ist.
Der Versuch, die Stärke der Strawsonschen Argumentation gegen das solipsistische Modell zu richten ist ein Kategoriefehler, denn diese Argumentation steht mit dem solipsistischen Model semantisch nicht in Verbindung.

Übereinstimmende Berichte und Erzählungen besagen nichts über die Universalität der Wirklichkeit – indem sie sich ergänzen, bestätigen sie lediglich die Übereinstimmung einzelner Auffassungen der Wirklichkeit – die Tatsache, dass es jederzeit möglich ist, dass sich die wichtigsten Elemente dieser Berichte gravierend voneinander unterscheiden oder dass sie sich gar gegenseitig ausschliessen ist der beste Beweis dafür.

Dass sich die Sprecher anhand hermeneutischer Übereinstimmung verständigen können, hat mit ihren kommunikativen Fähigkeiten und mit der Sprache, nicht mit der  vermeintlichen Objektivität der zu beschreibenden Wirklichkeit zu tun.

5.3.3.2. Zweites Argument – Mikro- und Makroperspektive in der Raumzeit und in der Raumzeitgegenwart.

De facto reduzieren wir dennoch die Wirklichkeiten einzelner Beobachter, und zwar allein schon aus dem Grund, dass die meisten Aspekte einer singulären Wirklichkeit vom Standpunkt einzelner Beobachter aus gar nicht erreichbar sind (wir können nicht nur nicht wissen, wie die Wirklichkeit um Alfa Centauri im Detail beschaffen ist, wir wissen nicht einmal, was hinter unserem eigenen Rücken geschieht).
Die Beobachterperspektive als ein zugleich eigen- wie fremdpsychisches Phänomen und als eine logische Grundlage der Wirklichkeit, kann nicht als universell gelten, solange sie sich auf die singuläre Wirklichkeit und auf die singuläre Gegenwart eines einzelnen Beobachters bezieht.
Das Problem besteht nämlich nicht darin, dass es dank  universell verständlichen Zeichen und starren Koordinatensystemen möglich ist, sich über die universelle Realität der Wirklichkeit zu verständigen, das Problem ist viel grundsätzlicher: die Wirklichkeit wird nie anders wahrgenommen als individuell und aus der Sicht einer singulären Gegenwart.
Das die Übereinkunft über die Universalität der Dinge erreichbar ist, ist nicht ein primärer Aspekt der Beobachtung sondern eine Wunscherfüllung.
Diese Übereinkunft ist eine Verabredung zwischen den einzelnen Kommunikationsteilnehmern.

5.3.3.3 Drittes Argument – die Perspektiventiefe. 

Bei den Dreharbeiten zu einem seiner frühen Filme, verlangte junger Stanley Kubrick, dass bei einer bestimmten Kamerafahrt ein 25mm Objektiv verwendet wird.
Sein Kameramann – verglichen mit Stanley, ein alter Hase –  missachtete diese Anweisung und entschied, eine 50mm Optik zu verwenden.
Angesprochen vom Kubrick argumentierte er, dass der Bildausschnitt einer 50mm Linse dem Bildausschnitt einer 25mm Linse exakt entspräche, gleichzeitig sei der Abstand zwischen der Kamera und den Aufnahmeobjekten größer, was seine Arbeit bei dieser komplizierten Kamerafahrt erheblich vereinfachen würde.
Deshalb entscheide er, dass die 50mm Optik benutzt wird.
Kubrick war damals jung, er hatte aber die Karriere eines erfolgreichen Fotografen hinter sich und wusste genau, warum er die 25mm Optik benutzen wollte.
„Was mit der Perspektiventiefe?“ fragte Kubrik und empfiehl dem Kameramann entweder die von ihm angefragte Linse zu benutzen oder gleich nach Hause zu gehen und nicht wiederkommen.

Der Unterschied zwischen einer 25mm und einer 50mm Optik zeigt sich vor Allem in ihrer unterschiedlichen Perspektivensicht. Obwohl die Aufnahme bei beiden Optiken tatsächlich genau denselben Inhalt enthalten kann, so sieht A etwas anderes als B (siehe Abbildung 10.)

Der Wirklichkeitseindruck, der bei Betrachtung durch beide Objektive entsteht ist jeweils unterschiedlich. Trotzdem scheint dieser Unterschied für die meisten Menschen (und für die meisten Kameraleute) nicht zu existieren.
Die meisten Betrachter entscheiden nämlich, dass zwischen A und B kein Unterschied besteht, weil sie dasselbe Bildausschnitt sehen.
Zwischen A und B existiert aber ein deutlicher optischer Unterschied.

Kubrick

Abbildung 10.

Derselbe fragwürdige Automatismus führt dazu, dass man die unterschiedlichen Perspektiven einzelner Beobachter zu einem Bild universaler Wirklichkeit zusammenfügt.

Wenn die Wirklichkeit eines Beobachters mit der Wirklichkeit anderer Beobachter übereinstimmt (wenn der „Bildausschnitt“ einer individuellen „Aufnahme“ sich also mit den „Bildausschnitten“ der Anderen deckt), folgern wir, dass eine einzige, fest in der Raumzeit verankerte Wirklichkeit für alle Beobachter gültig sein muss – dies gerade ist die Aussage des Wirklichkeitsarguments Strawsons und dies ist der Grund, warum die opportunistische Argumentation eines Kameramanns sinnvoll erscheint; dies auch ist der Grund, warum wir die kosmologische Wirklichkeit das Universum nennen und warum uns die experimentelle Quantenphysik paradox erscheint.

Bei der Annahme universeller Gültigkeit berücksichtigen wir den Unterschied nicht, der sich gerade aus der räumlich-zeitlichen Divergenz einzelner Orte und Perspektiven ergibt und der auch dann vorhanden ist, wenn sich die Bildinhalte und die Sichtachsen einzelner Beobachter  voneinander nicht unterscheiden lassen.

5.3.3.4 Zweites Prinzip der Perspektivenlogik.

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Der Zustand der Welt und dieses Zustands Beschreibung (die Erkennung und die Beschreibung der Tatsachen) stimmen allein aus der individuellen Perspektive eines Beobachters überein.
Jede vermeintlich universelle Beschreibung der Wirklichkeit ist eine semantische Reduktion.

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Aus dem Dilemma einer begreifenden, einer individuellen, einer hierarchisierenden Gewissheit führt kein philosophischer Ausweg einer klugen Entscheidung – das Problem liegt in der LOGIK!

Das logische Antlitz der Welt (1) Zenon