Das logische Antlitz der Welt. (1)

von Maciej Zasada

5.3.1. Mikro- und Makroperspektive.

Wenn ich in einem Café sitze (passiert nie) und die Menschen oder die Bäume um mich betrachte, oder wenn ich morgens einsam im Bett aufwache und die Augen öffne, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass es keinen einzigen Menschen auf dieser Welt gibt, der imstande wäre, meine individuelle Perspektive mit mir zu teilen (es kann in diesem Fall aus meiner Sicht keine Identität der Perspektiven geben).
Mit anderen Worten: ich kann annehmen, dass nur meine zwei Augen von allen Augen des gesamten Universums, an dem konkreten Ort meiner Wirklichkeit, an dem ich mich zu einer gegebenen Zeit befinde, genau die Sicht der Welt erlauben, die ich „meine Perspektive“ nenne.

Die Sache sieht ganz anders aus, sobald ich den Mond oder die Galaxie M31 betrachte. In diesem Fall verschmelzen scheinbar die Perspektiven aller irdischen Betrachter zu einer einzigen – je größer der raumzeitliche Abstand zwischen mir und dem Objektsystem, desto schwieriger es ist, meine eigene von der universellen Perspektive aller Erdbewohner zu unterscheiden.
Diesen Unterschied zu messen oder in einer astronomischen Berechnung zu berücksichtigen, kann, angesichts kosmischer Maßstäbe, durchaus als sinnlos betrachtet werden, seine Existenz jedoch, wegen der relativen Geringfügigkeit prinzipiell auszuschließen wäre (und ist) ein Kardinalfehler.

Einerseits vernachlässigen wir den Unterschied zwischen den Perspektiven einzelner Beobachter, wenn es sich um eine Perspektive im kosmischen Maßstab handelt, andererseits jedoch vertrauen wir einem einzelnen Zeugen, der von einem makrokosmischen Ereignis aus der Mikroperspektive seiner subjektiven Erfahrung berichtet.
Es ist beispielsweise fundamental für die Rechtmäßigkeit eines gerichtlichen Urteils, die Wirklichkeit als Gesamtheit objektiv existierender Tatsachen darzustellen.
Wir akzeptieren zwar, dass die Zeugenaussagen oder Zeugenberichte den subjektiven Perspektiven entspringen, sie dienen jedoch, zusammen mit den Beweisstücken, die unabhängig von ihnen vorliegen, dem Ziel, den Tatbestand eines Ereignisses als einen Bestandteil universaler, objektiver und irreversibler Wirklichkeit zu beschreiben.
Unifizierung einzelner Perspektiven findet daher nicht nur in der Astronomie statt.
Anhand der Vereinheitlichung der Perspektiven entsteht die Überzeugung, die Wirklichkeit sei in ein unabhängiges raumzeitliches Koordinatennetz eingebunden – die Wirklichkeit sei unabhängig von der Tatsache der Beobachtung und von der Tatsache der Existenz eines Beobachters – sie sei „uni-versal“.
Ergibt dieses Gesamtbild ein widerspruchsfreies Modell – stehen die Einzelbilder nicht im Widerspruch zueinander – so wird dies als ein Beweis für Objektivität und Allgemeingültigkeit der Wirklichkeit als einer Erscheinung gedeutet, decken sich die Einzelbilder nicht, so muss anhand der Grundvoraussetzung der Widerspruchsfreiheit entschieden werden, welche von ihnen der objektiven Wahrheit entsprechen und welche lediglich als ein subjektiver Eindruck oder gar als eine Lüge bewertet werden.

Es wird nachfolgend versucht zu zeigen, dass die bloße Voraussetzung der Widerspruchsfreiheit nicht ausreicht, um die Wirklichkeit, auch wenn über sie widerspruchsfrei und einheitlich berichtet wird, als universell zu betrachten.

5.3.2. Erstes Prinzip der Perspektivenlogik – die Behauptung perspektivischer Korrespondenz. 

————————  

Es kann keine universale Makroskala geben, für welche die Gültigkeit einer singulären, in ihr enthaltenen Mikroperspektive nicht bestünde. Selbst in der Makroskala der gesamten Wirklichkeit behält die Mikroperspektive eines einzelnen Betrachters ihre partikuläre Gültigkeit.

————————  

Wir nähern uns von der anderen Seite derselben Erkenntnis, welche im kosmologischen Teil, die Konsequenzen der 4. Behauptung vorbereitet haben.
Dort wurde der Mittelpunkt einer individuellen Raumzeitgegenwart als der Bezugspunkt der gesamten Wirklichkeit beschrieben, hier bestätigt sich die Singularität der Beobachterposition von Innen heraus – wir erkennen, dass es unmöglich ist, zwischen den Perspektiven einzelner Beobachter nicht zu unterscheiden.
Je größer der räumliche Abstand zwischen Objekt und Beobachter, desto schwieriger es ist, zwischen diesen Perspektiven zu differenzieren – der grundsätzliche Unterschied zwischen ihnen besteht jedoch notwendigerweise.
Die Grundvoraussetzung für die Objektivität der Wirklichkeit kann zwar durch die Behauptung der perspektivischen Korrespondenz nicht unmittelbar widerlegt werden, es wird allerdings klar, dass für das jeweilige Bild der Wirklichkeit, der Standpunkt des Beobachters entscheidend ist. Es wird auch klar, dass es unzulässig ist, alleine aufgrund sich deckender Berichte von einem objektiv vorhandenen, starren Geflecht der Wirklichkeit zu sprechen – eine dezentral strukturierte, eine verschränkte Wirklichkeit einzelner Gegenwarten, welche sich getrennt in den jeweiligen Beobachtungsvorgängen manifestiert und welche in diesen Vorgängen unmittelbar entsteht ist anhand der These des ersten Prinzips der LP genauso vorstellbar, wie die objektiv existente und universelle Koordinatenverbindung innerhalb eines starren Raumzeitkontinuums.

Einführung in das Kalkül der LPDas logische Antlitz der Welt (2)