Das Manifest.

von Maciej Zasada

Wir stellen uns vor, es wäre uns jederzeit möglich, eine universelle und endgültige Kenntnis zu erlangen. Den Grund dafür sehen wir darin, dass die Wirklichkeit eine objektive, eine endgültige Sache sei.
Diese Wirklichkeit nennen wir vorsichtshalber „das Universum“, um ihre universale Endgültigkeit als definitiv zu markieren.
Eine objektive Wirklichkeit ist einzig und eindeutig, somit, als Objekt, der Erkenntnis zugänglich und einfach.
Doch indem wir die Wirklichkeit für objektiv und für universalgültig erklären, entscheiden wir gleichzeitig, dass die endgültige Wahrheit, welche uns als ein Sachverhalt zur Verfügung steht, gefunden werden muss.
Dies ergibt einen Widerspruch, denn auf der anderen Seite besitzen wir mächtige logische Werkzeuge, mit deren Hilfe sich die jeweilige Wahrheit einzeln bestimmen lässt.
Einerseits entscheiden wir also die Universalität der Wahrheit, ihre allgemein gültige Eindeutigkeit, dadurch auch ihre Objektivität und Unabhängigkeit von Wahrnehmung, Bewusstsein und Vorstellung, andererseits entwerfen wir Prinzipien, welche eine dialektische Kontingenz des Wahrheitsbegriffs zur Folge haben.
Damit widersprechen wir der Universalität der Wahrheit und sorgen dafür, dass sie innerhalb einer singulären Argumentation individuell beansprucht, ja individuell definiert und entschieden werden kann.
Dies ist der zirkuläre Mechanismus, der am Anfang und am Ende jeder Argumentation steht, dies ist der dialektische Widerspruch und der Grund für den erkenntnistheoretischen Dualismus, der im Zusammenhang mit dem Wahrheitsbegriff entsteht: bei der Suche nach Wahrheit verwenden wir eine logische Methode, die völlig ungeeignet ist, eine objektive und universalgültige Wirklichkeit zu beschreiben.

Es ist verständlich, dass die Wahrheitsdefinitionen von der Art „ Veritas est adequatio intellectus et rei“ die universale Gültigkeit und universale Kontinuität der Wirklichkeit annehmen.
Aus diesem Grund ist der Begriff der Wahrheit und nicht etwa der Begriff der Wirklichkeit in den Wahrheitsdefinitionen variabel. Die Gewissheit, welche anhand schlüssiger Argumentation entsteht, ist im Kontext ihres Wahrheitsgehalts nicht nachvollziehbar, denn, indem sie parallel zu den entgegen gesetzten und ähnlich schlüssig erscheinenden Überzeugungen besteht, widerspricht sie der a priori vorausgesetzten Universalität der Wahrheit.
Jede, auch die leistungsfähigste Argumentation ist daher entweder unvollständig oder widersprüchlich. Im ersten Fall ist sie sowohl nicht beweisbar als auch nicht widerlegbar, im zweiten ist sie entweder ineffektiv oder nicht als ineffektiv erkannt.

Die parallele Existenz sich gegenseitig ausschließender Theorien, die parallele Existenz verschiedener Religionen, welche einander die Gültigkeit ihrer Götter und ihrer Rituale absprechen, die Existenz verschiedener Nationalitäten, welche als ihre Daseinsberechtigung das Vorhandensein ethnischer, politischer, historischer Unterschiede einführen (obwohl jeder einzelne Mensch ein Teil des unendlichen Universums ist), neben der Existenz aller übrigen „Astrologie“ belegen dies am Besten.

3.1.1 Die Konsequenz: Ablehnung isolierter Gewissheit.

Die definitive und universell gültige Wahrheit enthält möglicherweise Elemente, welche aus unserer Perspektive erreichbar sind, sie enthält mit Sicherheit Elemente, die aus unserer Perspektive nicht erreichbar sind, solche, die ausschließlich aus der Perspektive Anderer erreicht werden und auch solche, die von gar keinem Standpunkt erreicht werden können.
Angesichts dieser Annahme entsteht folgende Frage:
Warum verzichten wir freiwillig auf die Teile des Ganzen, welche aus der Perspektive unserer Antagonisten zu sehen sind?
Warum beschränken wir uns auf das, was ausschließlich aus unserer eigenen Perspektive zugänglich und denkbar ist?
Warum verschliessen wir die Augen vor der Weisheit und von der Wahrheit Anderer?
Auf diese Weise verzichten wir doch auf die Elemente vollständiger Wirklichkeit, die uns zwar nicht zugänglich, die aber mit Sicherheit auch für uns verbindlich sind.

Weil ich den Grund einer solchen Ausgrenzung nicht erkennen kann, lehne ich a priori jeden isolierten Erkenntnisgewinn ab, der den Wahrheitsradius auf die Bereiche begrenzen will, die z.B. als „wissenschaftlich sinnvoll“ bezeichnet werden, und welche die Bereiche ausgrenzt, die dem „Profanen“, dem „Unsinnigen“, dem „Fundamentalistischen“, dem „Pseudowissenschaftlichen“, dem „Abergläubischen“ oder dem „Ignoranten“, dem „Männlichen“, dem „Weiblichen“, dem „Kreationistischen“, dem „Rechtgläubigen“ etc. angehören – die Gegensätze schliessen sich niemals aus – indem sie bestehen, ergänzen sie sich (sprich: machen sich gegenseitig möglich).


Ich erkenne die Sinnlosigkeit einer unendlichen Suche nach dem besten, nach dem „berechtigten“ Argument, ich erkenne die Absurdität des endlosen Optimierens und Ableitens. Ich lehne ab die Gültigkeit der Etiketten, welche man freiwillig trägt oder welche man automatisch zugeteilt bekommt, sobald man auf der Welt erscheint – Etiketten, welche festschreiben, aus welcher Perspektive man die Wirklichkeit zu sehen hat.
Ich erkenne die Sinnlosigkeit semantischer Isolation, welche als Berechtigung perspektivischer und nicht zuletzt existenzieller Überlegenheit gilt.
Ich erkenne die Sinnlosigkeit des Kampfes um Nichts und die Sinnlosigkeit einer nach Macht strebenden, abgeschotteten, in unbedingten Kategorien begreifenden, verbissenen und kampflustigen Gewissheit.

☜ Das Ende des archaischen ZeitaltersGottes Beweis und An-Argument ☞