Gottesbeweis und An-Argument.

von Maciej Zasada

2.1.1 These

Unsere Behaarung erfüllt keine Bedingungen, welche Natur an ein Fell stellt. Wir sind daher, wie wir auf die Welt kommen, nicht überlebensfähig.
Es bedarf einer vollwertigen „Menschheit“, um als Mensch in der freien Natur zu überleben – diese vollwertige „Menschheit“ musste bereits den ersten nackten Menschen auszeichnen.

2.1.2 „Gottesbeweis / Gottesargument“.

Die Tatsache, dass Menschen kein Fell besitzen, kann freilich die Folge eines evolutionären Zufalls sein.
Die Tatsache jedoch, dass das Nichtvorhandensein dieser schützenden Schicht eine Regel ist, welche sich, in genetischer Form gespeichert, als irreversibel für die meisten Menschen und für alle Zeiten erweist (obwohl sie das Überleben unserer Gattung praktisch sabotiert), scheint, zumindest in Bezug auf den ersten Menschen, kein Zufall zu sein.

Dieser unscheinbare „Beweis“, wie auch die übrigen Gottesbeweise, belegt rein gar nichts (siehe 1.1.3) – dennoch ist er für uns, als eine neue Form des Arguments, von unschätzbarer Bedeutung.

(…)

3.2.1 Das erste An-Argument.

Der “Gottesbeweis” (2.1.2) enthält ein Argument, welches der Vollständigkeit jeder singulären Vorstellung, welche sich auf die Entstehungsgeschichte der Menschheit bezieht, widerspricht. Wir erkennen, dass durch dieses Argument entstandene Vision der menschlichen Genese in jede einzelne Entstehungsgeschichte problemlos eingeführt werden kann, selbst dann, wenn diese grundverschieden sind, oder sich gegenseitig ausschliessen. Die Wirkung dieses Beweises auf den Entstehungsstreit scheint, entgegen aller Regel, keinen besonderen Standpunkt der Auseinandersetzung zu begünstigen, im Gegenteil – dieser Beweis, als ein Argument, unterstützt alle im Streit beteiligten Standpunkte zugleich – es ist daher, zumindest was seinen argumentativen Zweck innerhalb der Diskussion angeht, streng genommen ein Anti-Argument.

Erkenntnis 1.

Wir erkennen diese Form des Arguments als eigenständige Form.
Wir bezeichnen diese fortan als An-Argument*.

*Auf den ersten Blick geschieht hier nichts Spektakuläres, doch Achtung: es ist uns hier ein dialektischer Sprung gelungen, dessen Bedeutung nicht zu überschätzen ist – wir haben eine neue dialektische Form entdeckt!

Das, was den Punkt 2.1.2 zum An-Argument macht ist folgender Mechanismus:

These
Die Tatsache, dass der Mensch eine haarlose, innerhalb freier Natur kaum überlebensfähige Spezies sei und dass dies vielleicht kein Zufall, sondern eine Voraussetzung seiner Existenz als Mensch ist, kann als ein Argument jede Position im Streit um seine Genese stützen.

Beweis
1. Für diejenigen, für welche die Bibelgeschichte den wirklichen Ursprung der Menschheit beschreibt, bedeutet die Tatsache, dass der Mensch kaum an das irdische Ökosystem angepasst ist, dass er als Effekt eines göttlichen Schöpfungsaktes anzusehen ist.
Nach der biblischen Auffassung entstanden wir im Paradies. In dieser Urumwelt mussten wir gar nicht mit den Merkmalen ausgestattet sein, welche das Überleben in der freien Natur langfristig sichern. Um die Wahrheit der biblischen Geschichte zu bestätigen, darf die menschliche Stellung innerhalb der Natur nicht die eines gut angepassten Wesens, sondern gerade die einer paradiesischen Schöpfung sein.

Unser „Gottesbeweis“ ist, wie wir sehen, ein perfektes Argument für die Plausibilität der biblischen Entstehungsgeschichte und stellt zusätzlich die logische Verbindung, zwischen dem Menschen und der göttlichen Absicht her.

2. Der Mensch könnte für Vertreter des empirischen Lagers als Folge eines genetischen Unfalls entstanden sein. Die Entstehung der Menschheit könnte als eine spontane Reaktion auf die plötzliche Veränderung elementarer Grundlagen einer besonderen tierischen Existenz zu verstehen sein.
Die negative Singularität unserer Gattung innerhalb versorgender Natur kann daher nicht nur bilbische, sondern durchaus pragmatische Entstehungsmodelle stützen.

3. Doch auch diejenigen, welche den wahren Ursprung der Menschheit nicht auf Erden, sondern in den unendlichen Weiten des Weltalls vermuten, könnten, inspiriert durch unseren “Gottesbeweis”, behaupten: es ist vollkommen klar – der Mensch ist innerhalb seiner Umwelt und ohne die spezifisch menschlichen Attribute nicht überlebensfähig – er entstamme nämlich einer außerirdischen Rasse. Der Mensch konnte sich gar nicht an die hiesigen Zustände angepasst haben – er ist das Produkt einer Evolution, welche sich unter einer fremden Sonne und unter anderen natürlichen Umständen vollzog.
Auch hier könnte die Aussage des “Gottesbeweises” für die „Veredelung“ eigener Argumentation mit Erfolg eingesetzt werden.

Alle im Streit um die menschliche Genese beteiligten Lager, alle sich gegenseitig mit argumentativen Beweisen bewerfenden Parteien, könnten die Tatsache unserer negativen Exklusivität als Bestandteil ihrer ureigenen Argumentation einsetzen.
Genau dieser Umstand macht aus dem Punkt 2.1.2 das erste An-Argument, das im vollständigen Bewusstsein seiner Bedeutung und seiner Funktion entstanden ist.
Im An-Argument findet man zunächst ein gewöhnliches Argument, das sich perfekt dazu eignet, die Gültigkeit des eigenen Modells zu bestätigen. Auf der nächsten Stufe erweist sich jedoch, dass dasselbe Argument für den Beweis gegenteiliger Ansichten erfolgreich angewendet werden kann – die Sinnlosigkeit, welche einzelner Gewissheit zugrunde liegt, könnte nicht deutlicher gezeigt werden.
Der Sinn des An-Arguments besteht daher darin, den Aberglauben einer individuell erreichbaren und zugleich universalgültigen Wahrheit zu eliminieren.
Durch das An-Argument entsteht die Gewissheit, dass der Widerspruch ein fester Bestandteil und einzige Konsequenz jeder dialektischen Bemühung ist, und zwar unabhängig von der Qualität verwendeter Argumente und unabhängig von der Stabilität erreichbarer Gewissheiten.
Der Sinn eines An-Arguments besteht auch darin, eine sprachliche Ordnung zu begründen, welche die Logik sämtlicher Perspektiven in einem singulären Erkenntnisprozess berücksichtigt und sie, wie in einer mathematischen Gleichung nach x auflöst…und x ist in diesem Fall die Erkenntnis der Unvollständigkeit dialektischer Systeme.
Dies freilich macht das An-Argument zum mächtigen Instrument – die wahre Erkenntnis besteht nämlich nicht nur darin, einen plausiblen, einen begründeten und einen widerspruchsfreien Standpunkt zu besitzen und auch nicht darin, über eine für die Argumente anderer unerreichbare Stellung zu verfügen, sondern sie besteht darin, die konträren Perspektiven zu transzendieren, um durch sie zu einer ganzheitlichen Einsicht zu gelangen. Eine Erkenntnis kann erst dann vollständig sein, wenn sie alle Perspektiven berücksichtigt und alle Standpunkte enthält, obwohl und gerade weil sie widersprüchlich sind.

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