Dualismus der Individualität: Mikro- und Makroperspektive

von Maciej Zasada

Jeder einzelnen Perspektive, jeder einzelnen Sicht auf die Individualität der Dinge liegt eine semantische Ambiguität zugrunde.
Darin unterscheidet sich die Perspektivenlogik von der klassischen Identitätslogik, dass sie diesen Widerspruch nicht meidet, nicht zu beseitigen, nicht zu verhindern sucht, sondern dass sie ihn als einen natürlichen und elementaren Eigenzustand der Individualität betrachtet.
Signifikant ist nämlich, dass eine Dualität ein inhärenter Bestandteil jeder perspektivischen IndiviDualität ist.
Paradox der [Individualität] besteht darin, dass sie nicht abgeschlossen, nicht isoliert und vor Allem nicht solitär ist, ganz im Gegenteil: jede [Individualität] besteht aus zwei gleichwertigen Perspektiven: aus ihrem inwendigen und aus ihrem auswendigen Aspekt.
Der inwendige Aspekt der Individualität manifestiert sich autoreflexiv (Mikroperspektive), der auswendige kontextreflexiv (Makroperspektive).
Wenn man die Worte, welche mit der singulären [Individualität] zu tun haben, einer logischen Analyse unterwirft, entdeckt man besondere Hinweise auf die Existenz ihrer dualen Natur.

Beispiel 1:

Primäre Bedeutung: Individuum – in – dividere (nicht teilbar)
Sekundäre Bedeutung: IndiviDuum – individual – dual (nicht teilbare Zweiheit).
Bemerkenswert ist hier, und zwar auch dann, wenn wir die Existenz einer dualen Ordnung im Singularen deutlich erkennen, dass das, was wir in Wirklichkeit erkennen, stets ein solitäres Modell einer dualen Realität ist.
In dem Moment nämlich, in dem der duale Aspekt einer Singularität als ein Objekt anvisiert wird, hört er gleichsam auf zu existieren. Etwas zu erkennen heißt nämlich, es von allem anderen zu unterscheiden, es heißt sein ambivalentes Wesen für ein partikulär entschiedenes, für ein unterschiedliches, für ein [individuelles] zu halten.
Duales Wesen (eindeutig) zu erkennen ist daher grundsätzlich unmöglich.

Moderne Erkenntnisphilosophie erweist sich in diesem Sinne als unfähig, die Wirklichkeit vollständig zu beschreiben. Es fehlt ihr ein spezieller Entscheidungsmechnismus, welcher die Dualität der individuellen Objekte nicht einzeln entscheiden würde, sondern bezüglich ihrer [Individualität] „gesichtsblind“ wäre.


Beispiel 2.

Indem wir ein Kleinkind darin bestätigen, etwa ein „Deutscher“ zu sein (selbst dann, wenn wir ihm vorleben, während eines Fußballspiels für die deutsche Mannschaft zu stehen), provozieren wir (oder erzwingen) seine Entscheidung ein „Deutscher“ sein zu wollen.
Mit der Entscheidung für das „Deutschsein“ werden die alternativen „Nationalzustände“ oder eine elementare Nichtnationalität ausgeschlossen – das Kind entscheidet sich für eine bestimmte Nationalität für den Preis, alle anderen Optionen auszublenden. Das Kind entscheidet sich für das „Deutschsein“ und gegen das „Nichtdeutschsein“.
Diese Entscheidung wird im Verlauf seines späteren Lebens grundlegend für seine individuelle (Mikro- und Makro-) Perspektive und daraus resultierende Wertehierarchie sein.
Die Form dieser partikulären Entscheidung ist signifikant für jeden Akt der Identitätsgewinnung respektive Dualitätsverlustes, denn:

Jedem Identitätsgewinn folgt ein Verlust ursprünglicher Diversität.

Beispiel 3.

Das System der Naturwissenschaft, als eine eigenständige Form, funktioniert durch einen beständigen Informationszuwachs – es wird nach neuen Erkenntnissen, neuen Wegen, Verknüpfungen, Perspektiven gesucht, obwohl, trotz dessen, auf jeder Stufe der Erkenntnis das Gleiche geschieht: man entscheidet sich stets für eine eindeutige Interpretation der Wirklichkeit.
Jedes Wirklichkeitsmodel ist eindeutig und endgültig, zumindest solange, solange ein neues, effektiveres oder besser angepasstes Modell entsteht.
Die Entscheidung für die Endgültigkeit der Wirklichkeit ist formal identisch mit der Entscheidung, welche ein Kind trifft, indem es sich für eine bestimmte Nationalität entschließt – sie schafft eindeutige Klarheit, um den Preis der Aufgabe multivalenter Wahrheit, mit welcher der Menschenverstand, durch eine zweiwertige Entscheidungslogik beengt, grundsätzlich nicht umgehen kann.

Eine multivalente Wahrheit hat Ähnlichkeit mit einem einfachen Arrangement wie dieses:
SzecianyAbbildung 9. Nebeneinander das Modell eines geometrischen Objektes W und seine zweimal entschiedene Wahrheit W´ / W“.

Wie soll die Wahrheit dieses Arrangements entschieden werden, welche Perspektive wäre hier die „richtige“?
Jede Entscheidung, die getroffen wird, muss geradezu falsch sein, obwohl sie gleichsam einen Korn Wahrheit enthält.

Die meisten Paradoxien, welche Sprache, Wirklichkeit oder Logik betreffen, erscheinen uns aus dem Grund logisch inakzeptabel, dass, neben den entschiedenen, alternative Grundperspektiven existieren, welche alternative Auslegung dessen erlauben, was jeweils für Wahrheit gehalten wird.
Wir können sie „dialektische Gegensätze“, „philosophische Dualismen“, semantische, syntaktische oder ontologische „Antinomien“ nennen, in der Perspektivenlogik kommt ihnen jedenfalls eine herausragende Relevanz zu – es sind die mikro- und die makroperspektivischen Aspekte einer indiviDuellen Betrachtung.

Dies setze ich jeder perspektivenlogischen Betrachtung voraus und darin sehe ich den eigentlichen Grund für den Dualismus der Wirklichkeit: die Wirklichkeit ist auf mannigfache Weise entscheidbar, und zwar aufgrund der Existenz zweier Grundperspektiven, die jedem einzelnen Beobachtungsaspekt impliziert sind.
Diese Grundperspektiven bestimmen sowohl das erreichbare Bild der Wirklichkeit, als seine Interpretation.

Die Perspektivenlogik soll die Grundlage für eine Philosophie liefern, welche in der Lage wäre, die Differenzfähigkeit der Systeme, also ihnen zugrundeliegende Diversität, dauerhaft zu erhalten.

☜ Das Konzept des An-ArgumentsAntinomien und Widersprüche ☞