Das Konzept des An-Arguments und die Entstehung der Perspektivenlogik

von Maciej Zasada

Aus dem Konzept des An-Arguments geht nicht nur eine neue dialektische Form hervor, sondern es entsteht zugleich eine neue Methode des Denkens und des Vergleichens.
Indem sich die universelle Perspektive auf das Universum, in die individuelle Perspektive auf das Indiversum verwandelt, entsteht auf natürliche Weise der Bedarf, die Dinge der Welt logisch neu zu ordnen.

5.1.1 Die Aufgabe der Perspektivenlogik.

Die Aufgabe der Perspektivenlogik soll sein, sich mit den Perspektiven, deren Relationen und Paradoxien innerhalb einer gegebenen logisch-dialektischen Umgebung zu befassen derart, dass in dieser Umgebung ein sinnvoller Rahmen für eine methodische Anargumentation entsteht.

Fundamental für die Perspektivenlogik ist die Beschreibung der Wirklichkeit, welche, soll sie vollständig sein, von allen erreichbaren Perspektiven erfolgen muss.
Dieses programmatische Prinzip der Perspektivenlogik steht dem Prinzip des An-Arguments nahe, das seinerseits im Mittelpunkt aller Perspektiven einer gegebenen dialektischen Umgebung steht.
Die Anargumentation trägt zur Dekonstruktion der Grundlagen dialektischer Argumentation bei – das System der Perspektivenlogik füllt das Vakuum, dass diese Argumentationsform Form hinterlässt.
Es geht also nicht darum, die Dichotomie der Objektivität und Subjektivität mit einem Dritten abzubauen (etwa mit einer Synthesis der beiden). Das An-Argument beendet die dialektische Epoche auf Erden.


5.1.1.1 Der Zweck des An-Arguments innerhalb der LP.

Das pragmatische Ziel des An-Arguments innerhalb der Perspektivenlogik ist es, die generelle Unvollständigkeit des dialektischen Modells zu verdeutlichen. Diese Unvollständigkeit ist insbesondere all deneen vor Augen zu führen, welche aus eigener Kraft nicht in der Lage sind, den vertrauten Grund ihrer eigenen Perspektive zu verlassen.

Der im perspektivischen Kontext naiv erscheinender Wahrheitsanspruch wird durch eine passende Argumentation sanktioniert.
Das Argument ist daher ein dialektisches Mittel, mit dessen Hilfe die individuellen Wahrheitsansprüche temporär befriedigt werden.
Das Ziel des Arguments ist es, die logische Widerspruchsfreiheit eines individuellen Wahrheitsmodells zu beweisen.
Das Mittel mit dessen Hilfe, die Geltung aller individuellen Wahrheitsansprüche aufgehoben wird, ist das An-Argument.

Im selben Moment, in dem das An-Argument im dialektischen Kreis erscheint, entsteht in ihm eine neue Perspektive, deren bloße Existenz, die grundsätzliche Unvollständigkeit dialektischer Modelle verdeutlicht.
Der konzeptionelle Unterschied zwischen An-Argument und Perspektivenlogik existiert nicht – das An-Argument ist einerseits die Entstehungsbedingung der LP, andererseits nutzt es die Möglichkeiten, welche durch sie entstehen.
Im Gegensatz zur klassischen, zweiwertigen Logik, bietet die Perspektivenlogik den widersprüchlichen Wahrheiten die Möglichkeit, in einem einzigen logischen Raum parallel zu bestehen.
In diesem Sinne steht sie im Gegensatz zur dialektisch sinnvollen Logik, die zwar selbst mit dem Widerspruch der These und Antithese zu tun hat, diesen Widerspruch jedoch stets in der Synthese aufgehoben wissen will.
Im Rahmen der Perspektivenlogik findet keine synthetische Entscheidung (!!!) mehr statt.
Innerhalb dieser Logik kann keine singuläre Wahrheit entschieden werden, nicht aufgrund der Widerspruchsfreiheit, nicht aufgrund der Plausibilität und nicht aufgrund dialektischer Stabilität einer leistungsfähigen Argumentation.
Den Zweck der Perspektivenlogik sehe ich darin, den Unterschied zwischen den inkommensurablen Perspektiven auszugleichen, d.h. für sie einen übergeordneten Raum einzurichten, in dem ihre individuelle Widerspruchsfreiheit aufgehoben und ihre ursprüngliche Äquivalenz erkannt werden kann.

Die Bestimmung der LP ist es, die zweidimensionale, dialektische Logik zu ersetzen.

Die zweiwertige Logik vergleiche ich mit dem zweidimensionalen Sehen. Ein zweidimensionales Gemälde, wenn es um den Aspekt der Perspektive bereichert wird, ergibt ein Modell einer dreidimensionalen Wirklichkeit.
Die Perspektivenlogik soll ähnliche Wirkung auf unser Denken haben – sie soll einen perspektivischen Denkraum erschaffen, in dem ein zuverlässiges Modell der perspektivischen Wirklichkeit entsteht.

5.1.2 Das An-Argument als eine Perspektive.

Das An-Argument ist in Wirklichkeit eine Perspektive, welche dem Sinn einer dialektischen Gewissheit und einer zugleich isolierten, wie konsistenten Vollständigkeit widerspricht.
Die Widerspruchsfreiheit ist zwar die notwendige Voraussetzung jeder erfolgreichen Argumentation, doch die Dialektik kann nur mit einfachen Widersprüchen, innerhalb eines einzigen logischen Raumes umgehen – eine zusätzliche Argumentationsebene, die durch die Einführung des An-Arguments entsteht, übersteigt schlicht ihren Wirkungsradius.

Beispiel:
Stellen wir uns ein Ehepaar S vor.
Wenn Ehemann S, mit den Vorwürfen seiner Frau konfrontiert, behauptet, er hätte sie mit keiner anderen Frau betrogen und wenn logisch vollständige Recherche seiner Frau die Wahrheit seiner Worte bestätigt, dann steht einer glücklichen Ehe nichts im Wege – es existiert innerhalb einer zweiwertigen Wirklichkeit eine plausible Behauptung und ihr widerspruchsfreier Beweis.
Sollte Herr S jedoch eine versteckte homosexuelle Neigung besitzen und seine Frau heimlich mit Männern betrügen, entstünde für die Eifersucht ein neuer logischer Raum, in dem die Bemühung, S´s Treue widerspruchsfrei zu belegen, ihren Zweck nicht mehr erfüllen kann.
Wenn die Teilnehmer einer argumentativen Auseinandersetzung mit einem passenden An-Argument konfrontiert werden, fühlen sie sich genau wie die eifersüchtige Ehefrau S, welche feststellen muss, dass nicht nur der Sinn und die logische Widerspruchsfreiheit ihrer Ermittlungen, sondern auch die Vollständigkeit des zweiwertigen Maßstabs, mit dem sie die Treue ihres Gatten gemessen hat, angesichts der Existenz einer neuen Perspektivenebene, gleichsam ihre logische Grundlage verlieren.

Dadurch, dass das An-Argument kein Argument und keine Aussage ist, sondern lediglich einen Raum bietet, in dem neue Gedanken stattfinden, bietet es der argumentativen Dialektik keine Angriffsfläche – es ist kein Bestandteil herkömmlicher Dialektik, es ist ein Instrument völlig anderer, extrem wirkungsvoller Logik.

☜ Gottesbeweis und An-ArgumentDualismus der Individualität ☞